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Spannungsfeld deutscher Arbeitsmarkt: Zwischen Fachkräftemangel und Stellenabbau

Arbeitsmarkt paradox: Stellenabbau und Fachkräftemangel

Der deutsche Arbeitsmarkt steht vor gewaltigen Herausforderungen. Während große Unternehmen Stellen abbauen, steigen Insolvenzen und Arbeitslosigkeit leicht an. Dennoch wird der Fachkräftemangel deutlicher spürbar. Wie können Unternehmen reagieren und welche Berufe sind besonders betroffen?

Auf dem deutschen Arbeitsmarkt überlagern sich derzeit widersprüchliche Entwicklungen. Einerseits kündigen große Industrieunternehmen Stellenstreichungen an, die Zahl der Insolvenzen ist gestiegen und die Arbeitslosigkeit nimmt leicht zu. Andererseits wird sich der Fachkräftemangel ab 2026 deutlich verschärfen. Das wirkt auf den ersten Blick paradox, ist strukturell aber gut erklärbar.

Demografie belastet den Arbeitsmarkt zunehmend

Der wichtigste Treiber ist die Demografie. Ab 2026 erreichen die geburtenstarken Jahrgänge das Rentenalter. In den kommenden Jahren werden im Durchschnitt rund 700.000 bis 900.000 Erwerbstätige pro Jahr aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Das entspricht etwa 1,5% bis 2% aller Beschäftigten jährlich. Diese Verrentungswelle wird bis in die 2030er-Jahre anhalten und überlagert konjunkturelle Effekte deutlich. Selbst der derzeit angekündigte Stellenabbau in der Industrie, der sich in Summe auf rund 300.000 Arbeitsplätze bis 2030 beläuft, fällt im Vergleich dazu moderat aus und dürfte zum Teil über natürliche Fluktuation aufgefangen werden.

Technologischer Wandel verändert die Arbeitswelt

Hinzu kommt der technologische Wandel. Künstliche Intelligenz wird den Arbeitsmarkt verändern. Das wird allerdings nicht abrupt, sondern in mehreren Phasen geschehen. Studien des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigen, dass in den kommenden drei bis fünf Jahren zunächst zusätzliche Beschäftigung entsteht – vor allem in IT, Beratung, Softwareentwicklung sowie durch den Ausbau von Rechenzentren und digitaler Infrastruktur. Erst ab etwa 2030 überwiegen in Modellrechnungen zeitweise die Arbeitsplatzverluste. In dieser Phase könnten pro Jahr mehr Stellen wegfallen als neu entstehen. Langfristig gleichen sich diese Effekte jedoch wieder aus. Bis etwa 2040 stehen in den IAB-Szenarien knapp 800.000 weggefallenen Jobs ähnlich viele neu geschaffene gegenüber.

Besonders betroffen von Automatisierung und KI sind wissensintensive, standardisierbare Tätigkeiten. Dazu zählen unter anderem Teile der Rechts-, Steuer- und Unternehmensberatung, technische Prüf- und Ingenieurdienstleistungen, Verwaltungsfunktionen im Gesundheitswesen, Logistik, Großhandel sowie klassische Unternehmensdienstleistungen. Neue Arbeitsplätze entstehen hingegen vor allem bei IT- und Informatikdienstleistern, in Bildung und Weiterbildung, im Baugewerbe, im Einzelhandel sowie in personenbezogenen Dienstleistungen. Insgesamt erhöhen KI-Anwendungen die Produktivität deutlich. Bei konsequenter Nutzung könnte das Bruttoinlandsprodukt in den kommenden 15 Jahren im Durchschnitt um rund 0,8 Prozent pro Jahr höher ausfallen als ohne KI – eine Modellannahme, keine Prognose.

Viele offene Stellen, aber keine Matches

Trotz schwacher Konjunktur gibt es derzeit weiterhin über eine Million offene Stellen. Schon eine leichte wirtschaftliche Erholung dürfte den Arbeitskräftemangel spürbar verschärfen. Spürbar ist auch, dass insbesondere aus Osteuropa  weniger Arbeitskräfte einwandern, da viele Herkunftsländer selbst unter Arbeitskräftemangel leiden.

Der Fachkräftemangel wird sich daher weiter zuspitzen – vor allem in Ausbildungsberufen. Der Fachkräftemangel im Handwerk, in der Industrie und in dienstleistungsnahen Berufen wird zunehmen. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft bestehen die größten Engpässe unter anderem bei Berufskraftfahrern, Metall- und Schweißfachkräften, Beschäftigten in der Lebensmittelproduktion, Malern und Lackierern, Fachkräften der Heizungs-, Sanitär- und Klimatechnik, Verkäufern, Bauplanern, Mechatronikern und Elektrikern.

Handlungs-Hebel für Unternehmen

Unternehmen werden daher mehrere Hebel gleichzeitig nutzen müssen, um leistungsfähig zu bleiben. Automatisierung und Digitalisierung gewinnen weiter an Bedeutung – sowohl in der Produktion durch neue, flexiblere Robotik als auch in der Verwaltung durch Softwarelösungen. Zusätzlich wird die Weiterqualifizierung der Belegschaft wichtiger. Teilqualifikationen ermöglichen es, angelernte Arbeitskräfte schrittweise zu Fachkräften auszubilden. Flexible Arbeitszeiten und Homeoffice-Angebote können dazu beitragen, insbesondere Frauen aus der Teilzeit in höhere Stundenumfänge zu holen. Auch ältere Beschäftigte spielen eine größere Rolle. Unternehmen sollten versuchen, Rentner länger im Betrieb zu halten.

Fazit: Der Arbeitsmarkt wird strukturell enger – unabhängig von der Konjunktur. Unternehmen, die jetzt nicht investieren, um ihre Arbeitskräftebasis zu sichern, riskieren ab 2026 dauerhafte Leistungs- und Umsatzverluste.

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