Devisen: Energieschock wird zum Leistungsbilanztest
In den kommenden Wochen entscheidet sich, ob Regierungen den Energieschock erneut fiskalisch abfedern müssen. Hält die Störung über Mai hinaus an, erwartet Allianz Research eine zweite Unterstützungsrunde, die die Kosten auf 0,6 bis 0,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts treiben kann. Für Devisenanleger wird damit der Außenfinanzierungsbedarf zum zentralen Preistreiber.
Auslöser ist eine Angebotsstörung: Die Blockade der Straße von Hormus unterbricht rund 20 Millionen Barrel pro Tag (mbd, Millionen Barrel pro Tag) Ölflüsse. Netto bleibt laut Allianz Research trotz Umleitungen, Mehrförderung und Reservefreigaben eine Lücke von rund 10 mbd. Die Internationale Energieagentur koordinierte eine Freigabe von rund 400 Millionen Barrel aus strategischen Reserven, doch das kann fehlende Mengen nur vorübergehend glätten.
Knappheit statt nur Preis: der neue Mechanismus
Für den Devisenmarkt ist entscheidend, wie die Lücke geschlossen wird. Allianz Research betont, dass die Anpassung über Nachfragezerstörung läuft, also über sinkenden Verbrauch, ausgelöst durch Preisniveau oder Rationierung. Politische Maßnahmen in Asien sollen die Ölnachfrage in März und April bereits um rund 1 mbd gedrückt haben, und das globale Nachfragewachstum 2026 wurde auf 640.000 Barrel pro Tag gesenkt.
Gleichzeitig steigt der regionale Preisdruck dort, wo die physische Knappheit ankommt. Asien nimmt laut Studie 85 Prozent der Hormus-Ölflüsse ab, Europa weniger als 6 Prozent und die USA 4 Prozent, was einen anhaltenden Aufschlag von 6 bis 7 Prozent über die Referenzsorte Brent erklärt. DME Oman Futures handeln seit Anfang April rund 10 bis 11 US-Dollar je Barrel über Brent, ein Marktindikator dafür, wo die Knappheit sitzt.
Währungskanal: Leistungsbilanz und Finanzierung
Die Fiskalpolitik wirkt dabei als Verstärker für Währungen. Im Schnitt stützen entwickelte Länder laut Allianz Research mit rund 0,15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, Schwellenländer mit rund 0,20 Prozent, meist über Steuersenkungen auf Kraftstoffe und Subventionen. In Asien liegen Südkorea, Indien und Indonesien mit Paketen von mehr als 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts darüber, in Europa liegen große Energieimporteure im Mittel bei rund 0,4 Prozent.
Für Devisenanleger zählt die Kombination aus Importabhängigkeit und Finanzierungsstruktur. Allianz Research nennt als verwundbar Schwellenländer mit hoher Energieimportquote und sich verschlechternder Leistungsbilanz, darunter Türkei, Ägypten, Marokko und Ungarn. Zugleich steigen die Schuldendienstkosten im Durchschnitt zwar nur um rund 0,05 Prozent des Bruttoinlandsprodukts pro Jahr, doch bei Ländern mit dünnen Reserven und hohem Außenfinanzierungsbedarf kann die Währung schneller zum Anpassungskanal werden.
Hotspots in EM: Fremdwährungsschulden und Abwertung
Besonders konkret wird die Studie bei der Türkei. Sie importiert 90 Prozent ihrer Energie, die jährlichen Kosten liegen bei 60 bis 65 Milliarden US-Dollar, die Leistungsbilanz ist mit 25 Milliarden US-Dollar im Defizit, und die Lira liegt im Jahresvergleich 17 Prozent niedriger. Jede Erhöhung des Ölpreises um 10 US-Dollar vergrößert das Defizit laut Allianz Research um 4,5 bis 5 Milliarden US-Dollar.
Hinzu kommt der Schuldenhebel: „Fremdwährungsschulden“ sind Staatsverbindlichkeiten in US-Dollar oder Euro, deren Bedienung in Landeswährung bei Abwertung teurer wird. Allianz Research nennt Türkei, Argentinien und Ägypten als Länder, in denen Abwertung diesen Effekt verstärkt, und verweist darauf, dass unter großen Schwellenländern nur Argentinien und Türkei Fremdwährungsanteile von über 30 Prozent aufweisen. Für die Marktreaktion nennt die Studie zudem eine Abwertung des thailändischen Baht um 6 Prozent sowie starke Abwertungstendenzen in Tunesien; Ägyptens Zentralbank ließ das Pfund als primären Anpassungskanal abwerten und hielt die Zinsen am 2. April unverändert.
Europa und G10: geringere Schirme, aber klare Signale
In Europa bleibt die Reaktion laut Allianz Research überwiegend preisorientiert, also über Preisdeckel und Entlastungen statt über direkte Einkommenshilfen. Diskretionäre Maßnahmen summieren sich bisher auf rund 0,15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, was Belastungen bei Haushalten und Firmen lässt. Spanien setzte über 80 Maßnahmen um, während Frankreich später und selektiver vorging; Belgien und die Niederlande kündigten bis 22. April keine zusätzlichen Hilfen an.
Für Devisenanleger wichtig ist der Zins- und Risikoaufschlagskanal. Allianz Research beschreibt moderat höhere Renditen in den USA und Deutschland von rund 30 Basispunkten (ein Basispunkt ist ein Hundertstel Prozentpunkt) und eine Risikoneigung gegen Peripherieanleihen, mit den stärksten Spread-Ausweitungen in Italien, Griechenland und Portugal. Gleichzeitig verschoben sich die Erwartungen in Europa von Zinssenkungen zu Zinserhöhungen, zumindest für die Dauer des Konflikts.