Ethanol: Warum Deutschland Brasiliens Erfolgsmodell ignoriert
Deutschland verzichtet aus politischen Gründen auf eine höhere Ethanol-Beimischung im Treibstoff, die EU erwägt jetzt eine Beimischung von 20%. Hintergrund: Eine größere Beimischung von Ethanol würde eine sofort verfügbare Entlastung bei Energiepreisen und Emissionen zur Folge haben. Ein Blick nach Brasilien zeigt, dass der verstärkte Einsatz von Ethanol ein großer Hebel ist, mit dem sich Energiepreise und Emissionen gleichzeitig senken lassen.
In Lateinamerikas größter Volkswirtschaft sind die Spritpreise nach dem Beginn des Iran-Krieges nahezu stabil. Während in den USA die Autofahrer um die 30% und in Deutschland sogar zeitweise bis 50% mehr für den Treibstoff an den Zapfsäulen zahlen, sind es in Brasilien gerade einmal rund 5%. Grund ist die hohe Beimischung von Ethanol. Die macht das Land unabhängiger von Erdölimporten und ist zudem auch noch klimafreundlich.
Brasilien ist Ethanol-Vorreiter
Brasiliens Vorreiter-Rolle ist auch in Deutschland bekannt. Auf der Hannover Messe haben Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und Bundeskanzler Friedrich Merz das südamerikanische Land als Vorbild für Deutschland bei der Dekarbonisierung des Verkehrssektors hervorgehoben. Lula da Silva sagte: „Wir sind in dieser Technologie führend. Davon kann Deutschland profitieren.“ Und er legte nach, dass für die erforderliche Biomasse auch gegen weit verbreitete Vorurteile in Europa kein Regenwald im Amazonasgebiet gerodet werden müsse.
SPD und Grüne blocken
Obwohl die Optionen und technischen Möglichkeiten in Deutschland bekannt sind, werden sie öffentlich nicht diskutiert. Umweltminister Carsten Schneider sagte zwar auf dem Petersberger Klimadialog, der derzeit die UN-Klimakonferenz im November in Antalya vorbereitet, dass die Energiekrise deutlich mache, "dass der Weg raus aus fossilen Energien klimapolitisch notwendig, wirtschaftspolitisch und sicherheitspolitisch sinnvoll ist.“ Das gilt erst recht, weil Russland nun angekündigt hat, ab dem 1. Mai kein kasachisches Öl durch die Druschba-Pipeline in die Schwedter Raffinerie durchzuleiten. Doch das Thema Ethanol spielte in seinen Überlegungen keine Rolle.
In Deutschland wird trotz angespannter Versorgungslage aus ideologischen Gründen nicht auf eine höhere Beimischung von Ethanol gesetzt. Davon ist jedenfalls Verbio-CEO Claus Sauter überzeugt. Im Interview mit FUCHSBRIEFE sagt er: „Die SPD will die ganze Gesellschaft in Richtung Elektromobilität drängen. Deshalb sind die hohen Kraftstoffpreise willkommen." Dass es mit Biokraftstoffen eine vernünftige und preiswerte Alternative gibt, die sofort einsetzbar wäre, werde ausgeblendet. Dabei liegen die Vorteile auf der Hand. „Ethanol verursacht im Schnitt 90% weniger Treibhausgas-Emissionen als Benzin. Außerdem verbrennt Ethanol sauberer als Diesel und Benzin“, so Sauter.
Brasilien setzt im Verkehr auf Ethanol
An der Blockade-These könnte etwas dran sein. Denn in Deutschland ist alles vorhanden, um mit Ethanol schnelle Erfolge in der Dekarbonisierung zu erzielen. Die Tankinfrastruktur ist vorhanden, das Knowhow in der Ethanolproduktion und im Motorenbau auch. Schon eine Beimischung von verpflichtend 10% Ethanol würde deutliche Effekte haben. Und technisch wären deutlich größere Beimischung von 20 bis 30 Prozent problemlos möglich, wie es jetzt auch die EU überlegt.
In Brasilien sind mittlerweile sogar über 97% der neuen Pkw mit sogenannten „Flex-Fuel“-Motoren ausgestattet. Diese können mit reinem Ethanol (E100), reinem Benzin oder einer beliebigen Mischung daraus betrieben werden. Ziel der Regierung in Brasilien ist es, bis 2050 klimaneutral zu werden. Dafür sind die Voraussetzungen gut, auch im Vergleich zu Deutschland. Denn bei den Pro-Kopf-Emissionen liegt Deutschland mit ca. 6,77 Tonnen noch deutlich vor Brasilien mit 2,28 Tonnen pro Einwohner - auch wegen des geringeren Einsatzes von Biosprit.
Fazit: Mit dem verstärkten Einsatz von Biosprit als Treibstoff könnte Deutschland die Versorgungssicherheit ausbauen und den Klimaschutz vorantreiben. Ein erster Schritt wäre die verpflichtende Einführung von E10 als Standard.
Hinweis: Das vollständige Interview lesen Sie unter: www.fuchsbriefe.de