Fachkräftemangel: Ein modernes Zuwanderungsrecht könnte helfen
Der Fachkräftemangel ist für viele Unternehmen ein Problem. Er schwächt den Standort und würgt Wachstum ab. Mit der Verrentung der Babyboomer wird es jetzt Jahr für Jahr schwieriger, freie Stellen zu besetzen. Darüber sprachen die FUCHSBRIEFE mit dem Arbeitsmarktexperten Enzo Weber, der am IAB den Forschungsbereich Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen leitet.
Herr Professor Weber, fehlende Fachkräfte dämpfen das Wirtschaftswachstum - trotz Rezession. Braucht Deutschland ein modernes Zuwanderungsrecht nach dem Vorbild Kanadas, um den Fachkräftemangel effektiv zu bekämpfen?
Wichtig ist eine gezielte Politik für Erwerbszuwanderung, aber nicht nach Kassenlage. Also nicht einfach aktuelle Lücken am Arbeitsmarkt stopfen, sondern auf Potenziale und Entwicklungsfähigkeit von Menschen setzen. Ein Punktesystem ist dafür grundsätzlich geeignet. Um zur Arbeitsuche einzureisen, haben wir das ja bereits. Wichtig wäre aber, dass das System dann auch im selben Zuge zur Jobaufnahme und zum Verbleib in Deutschland berechtigt.
Was müsste getan werden, um Deutschland als Arbeitsmarkt für ausländische Fachkräfte attraktiver zu machen?
Erstens müssen die Verfahren schneller und digitaler werden – von Visa bis zur Anerkennung von Abschlüssen. Zweitens geht es um die Integration, also einen proaktiven Service für Anerkennung von Kompetenzen sowie Spracherwerb und Qualifizierung parallel zum Beruf. Und drittens brauchen wir einen Aufschwung mit mehr neuen Jobs – Deutschland muss wieder eine Boom-Adresse werden.
Deutschland steht in Konkurrenz u produktive Köpfe mit anderen alternden Industrienationen, wo oft mehr verdienst wird als hierzulande. Welche Rolle spielt das Lohnniveau, wenn es im internationalen Wettbewerb darum geht, Fachkräfte nach Deutschland zu locken?
Hohe Löhne ziehen definitiv. Ein Grund mehr, warum wir uns nicht aus der Krise schrumpfen dürfen, sondern Produktivität steigern und Hochlohnland bleiben. Es geht aber auch um ein Gesamtpaket. Faktoren wie soziale Absicherung, Karriereperspektiven und Lebensqualität spielen eine Rolle.
In welchen Berufsgruppen ist der Bedarf am größten? In den sogenannten MINT-Sektoren? Handwerk und Gastgewerbe klagen ja auch über den Fachkräftemangel.
Eng ist es in vielen Bereichen. Und das trotz des jahrelangen Wirtschaftsabschwungs. Und die demographische Schrumpfung kommt jetzt erst in Gang. Aber Zuwanderung, das heißt nicht nur Arbeitskräfte, sondern auch neue Impulse, Austausch, Bewegung. Das tut unserem Land gut.
Können wir über die Mobilisierung der Stillen Reserve oder die Verringerung von Teilzeitarbeit, den Fachkräftebedarf signifikant senken?
Auch im Inland gibt es noch große Potenziale. Die berufliche Entwicklung von Frauen zu stärken, Ältere länger im Job zu halten, Arbeitslosigkeit abzubauen, das sind wichtige Hebel. Die aber Zuwanderung nicht ersetzen: Aus Alterungsgründen verlieren wir über 15 Jahre sieben Millionen Arbeitskräfte, da müssen wir alle Register ziehen.
Stichwort Lohnnebenkosten: Sind die hohen Arbeits- bzw. Lohnnebenkosten Deutschlands im internationalen Vergleich ein Grund dafür, dass hierzulande Jobs abgebaut werden?
Hohe Kosten können die Beschäftigung bremsen. Auf der anderen Seite sind Lohn- und Lohnnebenkosten aber die Einkommen und die Absicherung der Menschen. Hohe Lohnkosten sind am Ende auch ein Ausweis wirtschaftlichen Erfolgs. Aber gerade darum geht es, ein Kostenproblem haben wir vor allem deshalb, weil die Produktivität seit Jahren nicht mehr zulegt. Deutschland steckt in einer Erneuerungskrise: Wir brauchen mehr Bewegung, Innovationen, Gründungen, und durchaus auch Sozialreformen für besser Anreize.