Emerging Markets: Follow the money
Die Emerging-Markets stehen unter Druck – und mit ihnen ihre Währungen. Im Mai 2026 sind 26,6 Milliarden Dollar aus den Schwellenländern abgeflossen, nach plus 70,6 Milliarden Dollar im April. Der Umschwung kam fast vollständig aus dem Aktienmarkt. Dort lagen die Abflüsse bei 37,0 Milliarden Dollar. Bei Anleihen blieben die Zuflüsse mit 10,4 Milliarden Dollar dagegen positiv. Für den Devisenmarkt ist das wichtig, weil Aktienabflüsse meist einen direkten Druck auf die Landeswährung auslösen, während Anleihezuflüsse diesen Druck nur zum Teil abfedern.
Das (in Aktien angelegte) Kapital „flieht“ vor allem aus Asien
Die regionale Verteilung macht die Aussage noch deutlicher. Asien stand im Mai für minus 31,6 Milliarden Dollar an gesamten Portfolioabflüssen und für minus 35,1 Milliarden Dollar allein an Kapitalflüssen aus den Aktienmärkten.
Immerhin: Lateinamerika, Osteuropa und die Region Afrika und Nahost blieben in Summe im Plus. Das spricht gegen eine pauschale Flucht aus allen Schwellenländern und für eine gezielte Reduzierung von Risiko in liquiden asiatischen Aktienmärkten. „Liquide“ heißt in diesem Zusammenhang: Positionen lassen sich dort schnell und in großem Umfang verkaufen.
Korea und Indien bleiben die ersten Kandidaten für weiteren Druck
Für Südkorea ist die Ableitung am klarsten. Das Land verzeichnete im Mai Aktienabflüsse von 27,9 Milliarden Dollar und war damit der größte Einzeltreiber der EM-Abflüsse. Reuters meldete am 10. Juni zudem, dass Südkorea auch im laufenden Monat die höchsten ausländischen Verkäufe in Asien sieht. Für den Won spricht damit kurzfristig wenig, solange diese Verkäufe anhalten.
Hinzu kommt ein zweiter Punkt. Die Bank of Korea hat im April 2026 selbst beschrieben, dass ein höherer Leistungsbilanzüberschuss seit 2023 nicht mehr automatisch mit einer stärkeren Währung zusammenfällt. Die Leistungsbilanz erfasst vereinfacht gesagt den Saldo aus Warenhandel, Dienstleistungen und Einkommen mit dem Ausland. Früher war ein Überschuss oft ein Signal für einen stärkeren Won. Die Notenbank zeigt nun, dass private Kapitalabflüsse diese Logik überlagern können. Für die kommenden Monate spricht das für einen weiterhin anfälligen Won, selbst wenn die Exportdaten solide bleiben.
Öl und Dollar setzen die Rupie unter Zugzwang
Indien folgt mit Abstand, aber nach derselben Logik. Der neuste IIF-Bericht weist für Indien im Mai Aktienabflüsse von 4,9 Milliarden Dollar aus. Gleichzeitig trafen Anfang Juni drei Belastungen zusammen: höhere Ölpreise, höhere US-Renditen und ein festerer Dollar nach einem starken US-Arbeitsmarktbericht. Reuters berichtete am 5. Juni, dass die Reserve Bank of India den Leitzins bei 5,25 Prozent hielt und zugleich Maßnahmen einführte, um zusätzliche Dollarzuflüsse ins Land zu lenken. Dazu gehören Steuererleichterungen für ausländische Käufer indischer Staatsanleihen. ,
Diese Reaktion der Notenbank ist eine klare Botschaft. Die Rupie steht unter Druck, und die Währung soll vor allem über mehr Kapitalzuflüsse stabilisiert werden, nicht sofort über höhere Zinsen. Das kann Zeit kaufen. Es ändert aber nichts an der Grundrechnung. Indien importiert einen Großteil seines Öls. Höhere Ölpreise erhöhen den Bedarf an Dollar und belasten damit die Rupie. Für die kommenden Monate ist deshalb eher mit einer schwächeren oder bestenfalls seitwärts laufenden Rupie zu rechnen, solange Öl und Dollar hoch bleiben.
Yuan und Taiwan-Dollar haben mehr Puffer
China hebt sich ab. Im Mai blieben die Aktienflüsse nach China mit plus 8,1 Milliarden Dollar positiv, auch wenn sie schwächer ausfielen als im April. Bei Anleihen lagen die Flüsse mit minus 4,3 Milliarden Dollar im Minus. Unter dem Strich war China damit deutlich stabiler als der Rest Asiens. Das spricht gegen die These, der Yuan stehe wie andere asiatische Währungen unter unmittelbarem Abwertungsdruck durch Kapitalflucht.
Dazu kommt die Politik der chinesischen Zentralbank. Reuters meldete bereits im Mai, dass mehrere internationale Banken ihre Yuan-Prognosen nach oben angepasst haben, gestützt auf Exportstärke und stabile Beziehungen zu den USA. Reuters hatte schon Ende Februar zugleich berichtet, dass die Zentralbank eine zu schnelle Yuan-Aufwertung aktiv bremst. Das geschieht unter anderem über das tägliche „Fixing“, also die Leitmarke, an der sich der Handel des Yuan orientiert. Für die kommenden Monate spricht das für einen stabilen Yuan in einem gesteuerten Korridor. Eine starke Abwertung ist aus den vorliegenden Daten nicht ableitbar. Eine freie Aufwertung aber ebenfalls nicht.
Brasilien bleibt im Vergleich widerstandsfähig
Taiwan liegt zwischen China und Korea. Der IIF-Bericht nennt Taiwan als einen Markt, der den asiatischen Abfluss im Mai teilweise ausglich. Reuters verwies bereits im Februar auf ein starkes Wachstumsbild für 2026, getragen von KI-Nachfrage und Exporten. Gleichzeitig zeigt die taiwanische Zentralbank sehr klar, dass sie Kursschwankungen begrenzen will. Die offizielle Datenlage weist hohe Devisenreserven und einen eng verfolgten Wechselkurs aus. Für den Taiwan-Dollar spricht deshalb kurzfristig mehr Stabilität als für den Won. Ein kräftiger Anstieg ist aber wegen der aktiven Zentralbanksteuerung ebenfalls nicht das Basisszenario. ,
Brasilien fällt aus dem asiatischen Muster heraus. Der IIF-Bericht nennt für Brasilien im Mai Aktienabflüsse von 2,9 Milliarden Dollar. Lateinamerika blieb auf Gesamtportfolioebene dennoch leicht im Plus. Die brasilianische Zentralbank meldete für April außerdem Portfoliozuflüsse in den heimischen Markt und robuste Direktinvestitionen. Das sind Investitionen, bei denen Unternehmen langfristig Geld in Beteiligungen oder Produktionsanlagen stecken. Reuters berichtete Anfang Juni zugleich, dass die brasilianische Zentralbank wegen fortbestehender Inflationsrisiken vorsichtig mit Zinssenkungen bleibt. Das hält den Zinsvorteil des Real hoch. Ein Zinsvorteil stützt eine Währung, weil Anleger mit lokalen Anleihen mehr laufenden Ertrag erzielen können. Für die kommenden Monate spricht das für einen im EM-Vergleich widerstandsfähigeren Real, auch wenn ein fester Dollar größere Aufwertungsschritte begrenzt.
Der Blick nach vorn bleibt an drei Variablen hängen
Für den Sommer und Frühherbst 2026 hängt der Devisenausblick an drei Variablen.
- an den US-Renditen. Der Anstieg der Treasury-Renditen nach den US-Arbeitsmarktdaten vom 5. Juni hat den Dollar gestützt und die Schwellenländer belastet.
- am Ölpreis. Höhere Energiepreise treffen vor allem Importländer wie Indien und Korea.
- an Asiens Technologieaktien. Reuters verweist darauf, dass die jüngsten Kapitalabflüsse in Asien eng mit dem Rücksetzer bei Halbleiter- und KI-Werten zusammenhängen. Solange diese drei Faktoren nicht drehen, bleibt der Druck auf den Won hoch und auf die Rupie bestehen.
Welche Währungen am stärksten gefährdet sind
Die konkrete Reihenfolge für die kommenden Monate lautet damit: Der Won bleibt unter den großen asiatischen Währungen am anfälligsten. Die Rupie bleibt belastet, kann aber durch politische Gegenmaßnahmen stabilisiert werden. Der Yuan dürfte in einem von der Zentralbank gelenkten Band bleiben. Der Taiwan-Dollar hat strukturellen Rückenwind, bleibt aber administrativ gebremst. Der Real hat im EM-Vergleich den besten Puffer, weil Kapitalflüsse, Rohstoffbasis und Zinsniveau gegenhalten.