Hormus-Risiko: So wirkt der Energiepreisschock auf Europas Inflation
Für Europa läuft der Iran-Schock primär über Preise. Grund: Europa bezieht aus dem Nahen Osten direkt nur kleine Energiemengen. Zwar ist die Passage durch Hormus aktuell befahrbar. Aber durch das kriegsgeschehen nur eingeschränkt. Das erzeugt einen Risikozuschlag im Ölpreis.
Gas bleibt der Taktgeber für den Strompreis, weil oft die teuerste Gaskraft den Strompreis setzt. Steigt der Gaspreis am niederländischen Handelsplatz TTF, dem Leitmarkt in Europa, zieht der Strompreis mit. Das fließt rasch in den HICP ein, den EU-Verbraucherpreisindex mit rund zehn Prozent Energieanteil.
Ursachen: Warum Europa anfällig bleibt
Europa hat russisches Pipelinegas stark reduziert und durch LNG ersetzt. LNG ist verflüssigtes Erdgas, das tiefgekühlt per Schiff kommt. Das senkt das Ausfallrisiko eines Lieferanten, erhöht aber die Abhängigkeit von globalen Preisen und Routen.
Steigt der geopolitische Risikoindex, der Spannungen misst, reagieren Öl und europäische Gaspreise häufig gleichlauf. Diese Kopplung treibt die Volatilität und macht Energie zum zentralen Inflationsrisiko.
Szenarien: Pfade für Preise, Inflation und EZB
Bleibt das Risiko begrenzt, stabilisiert sich Öl um 90 bis 100 Dollar (aktuell 95 USD für Brent-Öl). Der Makroeffekt bleibt überschaubar. Die EZB kann ihren Kurs voraussichtlich halten.
Hält der Risikozuschlag an, bleiben Ölpreise 20 bis 30 Prozent über Vorkriegsniveau, also über 100 USD je Fass. Die Inflation steigt dann um 1,5 bis 2,5 Punkte. Das Wachstum in der EU sinkt um 0,5 bis 0,75 Punkte. Die EZB muss dann auf eine straffere Haltung umschwenken.
Stressfälle: Wenn Transport der Kipppunkt wird
Das Szenario: Werden Routen um Hormus nur eingeschränkt befahrbar, steigen Versicherungsprämien, Fahrtzeiten und Ausweichrouten. LNG wird teurer und volatiler. Öl klettert über 100 Dollar. Der Inflationsschock nimmt zu. Die EZB richtet sich dann stärker an den Inflationserwartungen aus.
Kommt es zu echten Lieferausfällen im Golf, fehlt global Öl. Preise steigen deutlich über 110 bis 120 Dollar. Inflation und Wachstum verschlechtern sich stärker. Entscheidend sind dann Lohnabschlüsse und Erwartungen. Steigen die an, muss die EZB härter reagieren.
Europas neue Lage: Weniger Lieferantenrisiko, mehr Preisrisiko
Positiv: Die Diversifizierung seit 2022 senkt das Risiko eines einzelnen Ausfalls. Die stärkere Einbindung in den Weltmarkt erhöht aber die Preissensibilität. Europa hat das Lieferantenrisiko reduziert, das Energierisiko aber nicht beseitigt.