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„Neutraler Zinssatz“ in der Kritik

„Die heutige Geldpolitik basiert auf falschen Annahmen“

Der Ausdruck „Garbage in, garbage out“ (GIGO) stammt aus der Informatik und beschreibt ein grundlegendes Prinzip: Wenn fehlerhafte, unvollständige oder unpassende Daten in ein System eingespeist werden, kann das Ergebnis nur ebenso fehlerhaft oder unbrauchbar sein. Bei den Notenbanken scheint es umgekehrt zu sein: Da liegt der Fehler im System.

Die heutige Geldpolitik basiert auf falschen Annahmen. Davon sind Michael Biggs und Thomas Mayer vom Flossbach von Storch Research Institute überzeugt. Zentralbanken orientieren sich bei ihrer Zinspolitik oft an einem theoretischen „neutralen Zinssatz“ (r*), der als das ideale Zinsniveau gilt. Dieser neutrale Zins soll das Wirtschaftswachstum stabil und die Inflation im Griff halten. In der Praxis ist es jedoch schwer, diesen Wert genau zu bestimmen. Biggs und Mayer zweifeln daran, dass dieser theoretische Zins überhaupt die gewünschten Effekte auf die Wirtschaft hat.

Ihrer Ansicht nach bedeutet ein zu hoher oder zu niedriger Zinssatz nicht automatisch, dass die Wirtschaft auf eine bestimmte Weise reagiert. Stattdessen beobachten sie, dass die Zinspolitik nur durch tatsächliche Veränderungen spürbare Auswirkungen auf die Nachfrage, die Investitionen und die Inflation hat. Die Theorie, dass es einen festen „richtigen“ Zinssatz gibt, der langfristig für Stabilität sorgt, sei zu starr und ignoriere die realen Schwankungen in der Wirtschaft.

Ein starrer Kurs mit riskanten Nebenwirkungen

Die Folgen können gravierend sein.

  1. Marktverzerrungen und spekulative Blasen: Wenn die Zentralbanken Zinsen künstlich niedrig halten, um den angenommenen neutralen Zinssatz zu erreichen, kann dies die Preise für Vermögenswerte, wie Immobilien oder Aktien, in die Höhe treiben. Dies führt oft zu spekulativen Blasen, die langfristig eine Bedrohung für die Finanzstabilität darstellen. Eine Situation, wie sie im 2. Jahrzehnt unseres Jahrhunderts vorherrschte.
  2. Beeinträchtigung der Investitionsbereitschaft: Die Annahme, dass niedrige Zinsen automatisch die Investitionen fördern, trifft laut den Autoren nicht zu. Unternehmen könnten trotz niedriger Zinsen zögerlich investieren, wenn sie unsichere wirtschaftliche Aussichten sehen oder keine gewinnbringenden Projekte erkennen. Dadurch bleiben die erhofften positiven Impulse für die Konjunktur aus.
  3. Boom- und Bust-Zyklen: Die Zentralbanken laufen Gefahr, durch eine zu lockere oder zu restriktive Geldpolitik ungewollt Konjunkturzyklen zu verstärken. Wenn der reale Zinssatz (r) nur wegen eines theoretischen Ziels angepasst wird, kann dies entweder zu einem übermäßigen Wirtschaftsaufschwung oder einem harten Abschwung führen, anstatt für Stabilität zu sorgen.

Zinspolitik als Verstärker von Krisenzyklen

Insgesamt warnen Biggs und Mayer davor, dass eine zu starre Orientierung am neutralen Zinssatz die Stabilität der Wirtschaft eher untergraben könnte, als sie zu fördern.


 
Fazit: Zentralbanken können die reale Wirtschaft nicht allein durch einen „richtigen“ Zinssatz stabilisieren. Die geldpolitische Steuerung auf Basis eines falschen Theorems führt in der Realität immer wieder zu Vermögenspreisblasen und riskanten Marktsituationen, die von den Notenbanken letztlich selbst mitverursacht werden. Die Autoren werben für eine flexiblere, datengetriebene Herangehensweise, die stärker auf die realen wirtschaftlichen Bedingungen eingeht.
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