Iran: Europa droht Stagflation
Der Iran-Krieg erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Wirtschaft in ein Stagflations-Szenario abrutscht. Für Deutschland und Europa zeichnet sich ein Szenario ab, das stark an den Ölpreisschock der 1970er-Jahre erinnert. Je länger der Krieg dauert und die Ölpreise hoch bleiben, desto enger wird die Verzahnung aus schon schwachem Wachstum und steigender Inflation.
Es gibt vier Übertragungskanäle, die das Stagflations-Szenario befeuern. Die ersten Folgen des Energiepreisschocks sind schon spürbar. Das Zeitfenster, um den Schock abzufedern, ist mit drei bis vier Wochen klein. Die Wirkungskette:
- Energiepreisschock: Die militärische Eskalation stört den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus massiv. Über diese Meerenge laufen rund 20% des weltweiten Ölhandels und große LNG-Mengen. Das hat die Energiepreise unmittelbar nach oben getrieben. Brent-Öl notiert zeitweise wieder um 100 US-Dollar je Barrel, während europäische Gaspreise um 50 bis 60% gestiegen sind. In Europa sind die Märkte besonders anfällig, weil die EU mehr als 90% ihres Ölbedarfs und rund 80% ihres Gases importiert.
- Lieferketten: Die stark gestiegenen Diesel- und Transportkosten werden direkt weitergegeben (FB vom 12.03.). Das bestätigt Claus Michelsen, Chefvolkswirt des VFA gegenüber FUCHSBRIEFE: "Ein andauernder Konflikt kann die Lieferketten jedoch deutlich belasten und die Transportkosten erhöhen."
- Produktionskosten: Energie ist einer der wichtigsten Faktoren fast aller Produktionsprozesse. Höhere Energiepreise verteuern neben der Logistik auch viele Branchen und Produkte (z. B. Dünger, Kunststoffe und zahlreiche petrochemische Vorprodukte). Gleichzeitig steigt der Preis Heizkosten und Strom. Für die Industrie bedeutet das steigende Grenzkosten, sinkende Margen. Steigende Energiepreise wirken in Europa besonders stark und schnell, weil energieintensive Industrien wie Chemie, Metall, Papier oder Grundstoffindustrie einen hohen Anteil an der Wertschöpfung haben.
- Risiko Grundstoffe: Gas und Öl sind überdies wichtige Grundstoffe für die Herstellung von Waren - vor allem in der chemischen Industrie wie z.B. für Kunststoffe. Somit drohen Produktionsunterbrechungen.
- Inflation: Ökonomen rechnen bereits damit, dass der Energiepreisschock die Inflation erneut spürbar anheben könnte. Ein Ölpreisanstieg von 30% erhöht die EU-Inflation um rund 1,5 bis 2,5 Prozentpunkte und bremst das Wachstum im Folgejahr um 0,5 bis 0,75 Punkte. Das analysiert das Institute for International Finance (IIF). Zur Orientierung: Seit Beginn des Iran-Krieges ist der Ölpreis um 50% geklettert.
Dilemma für die Geldpolitik
Die Folge könnte ein Wachstumseinbruch sein. Ein Energiepreisschock wirkt wie eine Steuer auf die gesamte Volkswirtschaft und reduziert die Kaufkraft und viele Unternehmensgewinne zugleich. Erste Prognosen gehen bereits davon aus, dass der Konflikt das globale Wachstum spürbar dämpfen könnte. Einige Unternehme berichten uns von einer "Vollbremsung bei der Nachfrage". Besonders im Risiko sind europäische Industrienationen mit hoher Importabhängigkeit und energieintensiver Produktion.
Entlastung durch die Europäische Zentralbank (EZB) ist kaum zu erwarten. Denn die Geldhüter tappen in die Stagflationsfalle. Steigt die Inflation durch Energiepreise, müsste die EZB die Zinsen erhöhen. Gleichzeitig würde eine straffere Geldpolitik eine ohnehin schwache Konjunktur weiter bremsen. Alternativ könnte die EZB die reale Geldentwertung tolerieren – also höhere Inflation zulassen. Beide Optionen haben erhebliche wirtschaftliche Kosten.