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Interview mit DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier

Treier: Deutschland muss Rohstoffstrategie neu ordnen

DIHK / Werner Schuering
In der Regierung zeichnet sich eine Rohstoff-Wende ab. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sprach sich auf der US-Energiekonferenz CERAWeek für eine stärkere Nutzung heimischer fossiler Ressourcen aus. Deutschland solle eigene Gasvorkommen erschließen. Parallel dazu zeichnet sich mit Blick auf die Atomenergie in der Kernfusion ein Richtungswechsel ab (FB vom 12.03.). FUCHSBRIEFE sprachen dazu mit Volker Treier, Chefvolkwirt des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHK).

Je länger der Iran-Krieg dauert und die Straße von Hormus gesperrt bleibt, desto größer sind die Auswirkungen für die Weltwirtschaft. Neben den steigenden Preisen für fossile Brennstoffe werden inzwischen auch wichtige Rohstoffe und Vorprodukte für die industrielle Produktion knapp. 

FUCHSBRIEFE sprachen mit dem Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHK), Volker Treier, über Folgen des Krieges für die deutsche Wirtschaft.    

Herr Treier, die Straße von Hormus ist weiter blockiert. Die Drohungen von US-Präsident Donald Trump verpuffen bei den iranischen Revolutionsgarden. Welche Belastungen rollen jetzt auf die deutschen Unternehmen zu?

Treier:  Hier geht es längst nicht nur um Erdöl und Erdgas. Mit der Blockade der Straße von Hormus geraten ganze Lieferketten ins Stocken. Wichtige Rohstoffe und Vorprodukte wie Aluminium, Schwefel oder Helium sowie Düngemittel können nur noch eingeschränkt transportiert werden – mit spürbaren Folgen für Preise und Verfügbarkeit.

Für die deutsche Wirtschaft bedeutet das erhebliche Kollateralschäden. Produktion wird teurer, teilweise sogar unmöglich. Je länger der Konflikt andauert, desto stärker schlagen diese Effekte durch. Und selbst wenn sich die Lage entspannt: Die Rückkehr zur Normalität kommt nicht über Nacht. Bis Anlagen wieder hochgefahren und Lieferketten stabilisiert sind, wird es Monate dauern. 

Rechnen Sie in Deutschland mit Produktionsausfällen?

Treier: Für die kommenden Wochen ist das nicht auszuschließen. Wenn Vorprodukte aufgebraucht sind, lassen sich neue Lieferquellen nicht kurzfristig erschließen – selbst der Transport braucht Zeit.

Am Beispiel Helium wird die Abhängigkeit besonders deutlich: Ein erheblicher Anteil stammt aus dem Recycling, gleichzeitig ist die globale Produktion stark konzentriert – etwa in Katar, das rund 40 Prozent der weltweiten Heliumförderung stellt. Das steht sinnbildlich für zahlreiche Vorprodukte aus der Öl- und Gasverarbeitung, etwa Schwefel, die für die chemische Industrie unverzichtbar sind.

Welche Folgen hat das für Unternehmen?

Treier: Sinkt die Verfügbarkeit, steigen die Einkaufspreise der Unternehmen – und das schlägt sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette nieder. Höhere Erzeugerpreise sind die Folge, die am Ende auch bei Endkunden und Konsumenten ankommen.

Das ist kein kurzfristiger Effekt, sondern ein Prozess, der sich über mehrere Monate erstreckt – seinen Anfang nimmt er aus deutscher Perspektive in der Chemischen Industrie.

Gibt es überhaupt Möglichkeiten, Ausfälle aus der Golfregion zu kompensieren?

Treier: Schnelle Möglichkeiten, Ausfälle zu kompensieren, gibt es nicht. Fällt Angebot weg, lassen sich Lieferlücken kurzfristig kaum schließen. Das zeigt sich etwa bei Helium: Neben anderen Produzenten wie den Vereinigte Staaten führen Ausfälle unmittelbar zu Knappheiten – und damit zu spürbaren Preissteigerungen.

Betroffen sind nicht nur einzelne Produkte, sondern ganze Wertschöpfungsketten. Vor- und Nebenprodukte geraten unter Druck, Versorgungsstopps und Engpässe wirken sich breit aus. Noch steht das nicht im Zentrum der öffentlichen Debatte – doch je länger die Krise anhält, desto stärker wird sie dorthin rücken.

Wie können wir geopolitische Risiken minimieren? Sollten wir wieder mehr auf heimische Rohstoffe setzen?

Treier: Zwar verfügt Deutschland über eigene Rohstoffpotenziale, hat deren Erschließung jedoch oft aus Umweltgründen zurückgestellt – etwa beim Fracking. Kurzfristig hilft das nicht. In den kommenden Monaten bleibt die Industrie auf funktionierende internationale Lieferketten angewiesen.

Die Lehre ist klar: Wir haben uns zu lange auf das reibungslose Funktionieren globaler Märkte verlassen. Strategische Nadelöhre – etwa die Straße von Hormus – zeigen, wie verwundbar dieses System ist. Wer Risiken begrenzen will, muss Abhängigkeiten reduzieren und Lieferketten konsequent diversifizieren.

Seltene Erden, Fracking, Braunkohle -  ist der Iran-Krieg Katalysator dafür, die deutsche Rohstoffstrategie neu zu denken?

Treier: Der Konflikt ist ein Weckruf – nicht nur geopolitisch, sondern auch wirtschaftspolitisch. In den vergangenen Jahren wurden Zielkonflikte und Dilemma-Situationen zu oft ausgeblendet. Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit lassen sich nicht ohne Abwägungen gleichzeitig maximieren.

Deutschland hat sich etwa beim Thema Energie stark abhängig gemacht – unter anderem von russischem Gas. Gleichzeitig wurden Optionen wie Kernenergie beendet und der Kohleausstieg vorangetrieben. Das verschärft Zielkonflikte und erhöht die Risiken für den Industriestandort. Gerade bei kritischen Rohstoffen zeigt sich die Widersprüchlichkeit besonders deutlich. Wenn wir eigene Vorkommen – etwa wichtige kritische Rohstoffe in Sachsen – aus Umweltgründen nicht erschließen, gleichzeitig aber Exportbeschränkungen aus China kritisieren, fehlt die strategische Konsistenz.

Was folgt daraus?

Treier: Was es jetzt braucht, ist mehr technologische Offenheit und eine ehrlichere Debatte über die Opportunitätskosten unseres Handelns. Der „Green Deal“ und erneuerbare Energien sind zentrale Bausteine – aber sie lösen nicht alle Probleme im Alleingang.

Die aktuellen Entwicklungen sollten Anlass sein, breiter zu diskutieren: über Nutzen und Kosten, über Abhängigkeiten und über die Frage, wie viel Eigenständigkeit wir uns leisten wollen – und müssen.

Ein zentrales Thema für Unternehmern und Endverbraucher sind die steigenden Energiepreise. Was sollte die Bundesregierung über die bereits verkündeten Maßnahmen hinaus jetzt tun, um die Betriebe und Konsumenten zu entlasten?

Treier: Die Entlastung bei den Energiepreisen muss umfassend ansetzen – bei Strom ebenso wie bei fossilen Energieträgern. Entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit ist vor allem der Strompreis. Deshalb sollte die Stromsteuer für alle Unternehmen dauerhaft auf das europäische Mindestmaß gesenkt werden – nicht nur befristet. 

Darüber hinaus gilt: Weitere Vorschläge zur Entlastung sind ausdrücklich willkommen. In der aktuellen Lage braucht es Pragmatismus und Tempo.

Steag-Iqony-CEO Andreas Reichel hat vorgeschlagen, deutsche Kohlekraftwerke der Netzreserve während des Irankrieges zu nutzen, um den Strompreis zu stabilisieren. Ein gangbarer Weg?

Treier: Der Ansatz, zusätzliche Reserven zu mobilisieren – etwa durch das Anfahren von Braunkohlekapazitäten – ist zumindest prüfenswert. Das ist kein Widerspruch zu den Klimazielen, sondern Ausdruck einer akuten Versorgungssicherung in einer Ausnahmesituation.

Gleichzeitig bleibt klar: Am EU-Emissionshandelssystem sollte nicht gerüttelt werden. Der Emissionshandel ist ein marktwirtschaftliches Instrument, das Emissionsminderungen effizient und ohne zusätzliche staatliche Detailsteuerung ermöglicht. Hier jetzt einzugreifen, würde das System eher schwächen als stärken.

Fazit: Der Iran-Krieg offenbart die Verwundbarkeit und Abhängigkeit Deutschlands von Rohstoffen. Die Risiken könnten abgefedert durch mehr Technologieoffenheit und die Nutzung eigener Ressourcen abgefedert werden. Wir nehmen Signale dafür wahr, dass die Bundesregierung hier strategisch umschwenkt.

Hinweis: Mehr Hintergrund und Analyse gibt es in FUCHSBRIEFE.

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