Capitell geht nicht den letzten Meter
Capitell analysiert umfassend den Kapitalmarkt und leitet daraus die Empfehlungen für das Portfolio der Stiftung her. Das ist eine der Stärken des Angebots, das der Vermögensverwalter in den Ring wirft. So ausführlich und nachvollziehbar hat der Leser dieses Thema nicht oft gefunden – manchmal ist es sogar zu ausführlich. Die Aufteilung in Aktien und Anleihen hält der Anbieter ein. Zudem erläutert er ausführlich seinen Nachhaltigkeitsansatz, bleibt hier aber in der Theorie hängen, da die Prinzipien sich nicht adäquat im Anlagevorschlag wiederfinden. Jetzt ist es an der Zeit, sich die Wünsche der Stifter anzuschauen.
Das wünschen sich die Stifter
- Die Stiftung Fliege sucht für 2,5 Millionen Euro Stiftungskapital – das 2024 auf 3 Millionen aufgestockt wird – einen neuen Vermögensverwalter.
- Gefordert werden Erfahrungen im Vermögensmanagement für Stiftungen
- Das Portfolio soll strategisch in bis zu 40 Prozent Aktien und 60 Prozent Anleihen aufgeteilt sein.
- Zentrale Vorgaben sind der reale Erhalt des Stiftungsvermögens auf mindestens fünf Jahre , die Begrenzung möglicher Vermögensverluste sowie mindestens 60.000 Euro ordentliche Erträge p.a. zur Fortführung der Stiftungsarbeit.
- Die Wertentwicklung des Anlagevorschlags von 2018 bis heute soll unter Angabe der wichtigsten Parameter simuliert werden.
- Schließlich sollen Risikomanagement- und Kostenmodell dargestellt werden.
Herleitung einen Tick zu lang
Erst auf Seite 20 von 52 geht es los mit dem Anlagevorschlag von Capitell. Aber auch dann muss der Leser noch ziemlich lange auf einen konkreten Vorschlag warten. Nach „Neuen Regelungen für das Vermögensmanagement“, aktuellen Gewinn- und Dividendenrenditen, Marktentwicklungen und Ausblicken – alles sehr interessant, aber eben einen Tick zu ausführlich – findet der Leser auf Seite 30 endlich das eigentliche Portfolio.
Es soll aus 38 Prozent Aktien, 59 Prozent Anleihen und 3 Prozent Liquidität bestehen. Bei den Währungen dominiert der Euro. Die einzelnen Titel führt der Vermögensverwalter auf, nach Sektoren und Ländern differenziert.
Gute Begründung der Anlageinstrumente
Capitell begründet detailliert die Wahl der Anlageinstrumente und Titel. Sehr gut! Auch wenn die dazugehören Grafiken für den Laien nicht sehr erhellend sind, ist doch zu erkennen, wie es auf dem Markt vermutlich weitergeht. Die Zusammensetzung des Portfolios enthält neben der eigentlichen Verteilung auch Angaben zu den Sektoren und Ländern, in die investiert werden soll. Das ist alles nicht sehr ausführlich, aber doch einigermaßen verständlich.
Die Anforderung von mindestens 60.000 Euro ordentliche Erträge nach Kosten greift Capitell auf, gibt aber einen Betrag von 96.600 Euro VOR Kosten und Steuern an. Nun soll der Kunde offenbar rechnen, wie viel für ihn übrigbleibt. Nicht so gut.
Keine Gebühren inklusive
Die Vergütung fasst der Anbieter auf einer Seite zusammen. Obwohl kein erfolgsabhängiges Modell gewünscht ist, führt er eins auf. Warum? Hat er die Ausschreibung nicht gründlich genug gelesen?
Als pauschale Grundvergütung gibt er 0,6 Prozent zuzüglich Mehrwertsteuer an. Dazu kommen Depotgebühren. Gefragt waren von der Stiftung aber Gebühren inklusive allem. Das ist so nicht sehr kundenfreundlich.
Zwei ESG-Strategien
Im Rahmen der Vorstellung des Investmentprozesses stellt Capitell Nachhaltigkeit als wirtschaftlichen Erfolgsfaktor vor. Man verfolge nach eigener Aussage zwei ESG-Strategien: Die „ESG-Improver“ sind auf dem Weg in Richtung Nachhaltigkeit, die „Impact Investments“ betreffen Unternehmen, die über ihr Geschäftsmodell bereits heute beim Erreichen der UN-Entwicklungsziele helfen.
Auch bei der Auflistung der einzelnen Aktientitel im Portfolio spielt der ESG-Score eine Rolle, so dass sich der Leser ein Bild machen kann. Bei den Anleihen gibt es keine Nachhaltigkeits-Einordnung. Trotzdem gut.
Knappe Darstellung des Risikomanagements
Für die offenbar empfohlene Risikoklasse "Performance Bond+" zeigt Capitell die Wertentwicklung seit Auflage im Jahr 2012 im Vergleich zur Benchmark. Seit 2018 hat Bond+ demnach bis auf den Zeitraum von Oktober 2019 bis Oktober 2020 – hier gab es einen erheblichen Ausschlag nach unten – die Benchmark schlagen können. Ein paar zusätzliche Erläuterungen wären hier interessant gewesen.
Erläuterung des Risikomanagements zu knapp geraten
Auf einer Seite fasst Capitell sein „Professionelles Risikomanagement“ zusammen. Fünf Punkte sollen zeigen, wie das gelingt. Das ist sehr knapp und für den Leser nicht sehr erhellend.
Ein aufgepepptes Standardprodukt?
Der Leser hat keinen Hinweis darauf gefunden, wie konkret Vermögensverluste vermieden bzw. begrenzt werden sollen. Allerdings macht Capitell darauf aufmerksam, dass diese Themen noch im Dialog mit der Stiftung geklärt werden müssten. Andere Anbieter konnten auch ohne weitere Informationen einen ersten aussagekräftigen Vorschlag erstellen.
Sehr individuell erscheint der Vorschlag insgesamt nicht. Es handelt sich offenbar um das Produkt Bond+, das ein wenig aufgepeppt wird. Gut: Im Großen und Ganzen ist der Anlagevorschlag verständlich. Fachbegriffe werden erläutert. Was stört, sind zum Teil komplizierte Grafiken, die den Leser mehr verwirren als erhellen, etwa auf der Seite 26 des Angebots unter der Überschrift "Globale Einkaufsmanagerindizes sprechen für globale Wachstumsverlangsamung" oder auf Seite 28 mit dem Titel "Europäische Aktien auch im historischen Kontext billig". Für Fachleute mag das aussagekräftig sein, für Laien kaum.
| 2020 (TOPs 2020) | Vermögensstrategie | Wichtige Standards verfehlt | im Shop |
| 2019 (TOPS 2020) | Beratungsgespräch | Mit Empathie zum Erfolg | im Shop |
| 2018 (TOPs 2019) | Qualifikation | Ordentlicher Start, verhaltenes Finish | im Shop |
| 2017 (TOPs 2018) | Beratungsgespräch | Capitell: Mit Köpfchen beraten | im Shop |
| 2016 (TOPs 2017) | Beratungsgespräch | Kein Anschluss | im Shop |
| 2018 | Qualifikation | Knappe Information, wenig Stiftungsspezifik | im Shop |
| 2022 (Stiftung) | Qualifikation | Jung und doch erfahren | im Shop |
| 2021 (Stiftung) | Vermögensstrategie | Ausgezeichnet in der mündlichen Prüfung | im Shop |
| 2021 (Stiftung) | Qualifikation | Gute Ansätze, aber viele offene Fragen | im Shop |
| 2019 (TOPS 2020) | Capitell Vermögens-Management AG: Auch kleinere Vermögen sind willkommen |
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Fazit:Capitell liefert einen brauchbaren Ansatz, ohne diesen im Detail auszuarbeiten. Der Vermögensverwalter erwähnt, dass er nur ein erstes Grundgerüst liefern kann und für ein konkretes Angebot weitere Informationen von der Stiftung benötigt. Eine Herleitung der Zielrendite und ob diese durch das Portfolio erreicht wird, sucht der Leser daher vergeblich. Auch die Themen Kapitalerhalt und Verlustvermeidung greift Capitell nur fragmentarisch auf. Das schmälert den guten Gesamteindruck.
Mit mehr Engagement und Fokus auf die Stifterwünsche hätte das Angebot Chancen auf die Endrundenteilnahme gehabt.
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