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Fuchsrichter Logo ESG im Rückwärtsgang: Warum Nachhaltigkeit an Kraft verliert

Die große ESG-Ermüdung

Erstellt mit Canva
Nachhaltigkeit im Private Banking steht unter Druck. Kunden verlieren das Vertrauen, Banken ziehen sich zurück, und Regulierer überziehen den Markt mit Bürokratielasten. Waffen gelten plötzlich als grün, Mittelständler stöhnen unter Berichtspflichten. Ist ESG am Ende? Ein Lagebericht zur schleichenden Erosion eines Megatrends.

Nachhaltigkeit galt im Private Banking über Jahre als Wachstumstreiber. Banken präsentierten grüne Fonds, sprachen von Impact Investing und versprachen, Rendite und Verantwortung zu vereinen. Doch die Euphorie ist verflogen. Immer mehr Anleger kehren dem Thema den Rücken – und mit ihnen auch die Anbieter.

Nettoabflüsse bei ESG-Fonds häufen sich. Selbst institutionelle Investoren wie Versorgungswerke und Pensionskassen streichen Nachhaltigkeitsmandate. In der Kundenberatung kommt das Thema seltener von selbst auf den Tisch. Viele Banker verzichten bewusst auf ESG-Impulse – aus Unsicherheit oder Überdruss.

Jugend wendet sich ab - dauerhaft?

Eine Civey-Umfrage aus dem Sommer 2025 im Auftrag von watson zeigt: Das Interesse an Nachhaltigkeit sinkt auch bei den 18- bis 29-Jährigen. Befragt wurden vom 30. Juni bis 28. Juli 2025 rund 5.000 Bundesbürger ab 18 Jahren. Zusätzlich nahmen etwa 3.000 Personen teil, die angaben, ihr Interesse habe in letzter Zeit abgenommen. Die Ergebnisse sind repräsentativ.

44 Prozent derjenigen mit nachlassendem Interesse wollen sich gar nicht erst mit dem Thema befassen. Ein Drittel empfindet nachhaltiges Leben als zu teuer, rund 20 Prozent halten es für zu kompliziert oder zu aufwendig. Häufiger Grund für die Abkehr ist zudem das Gefühl, dass das eigene Engagement ohnehin wirkungslos bleibt.

Deutliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen

Die jüngste Altersgruppe von 18 bis 29 Jahren begründet ihr sinkendes Interesse häufig damit, bewusst Abstand zu halten und sich nicht mit Nachhaltigkeit zu beschäftigen. Bei den 30- bis 39-Jährigen steht der Wunsch nach günstigeren nachhaltigen Angeboten im Vordergrund.

Auch in der Altersgruppe der 40- bis 49-Jährigen zeigt sich eine steigende Tendenz, Nachhaltigkeit aus der persönlichen Prioritätenliste zu streichen. Insgesamt deutet die Umfrage darauf hin, dass finanzielle Hürden, Aufwand und Zweifel an der Wirksamkeit zentrale Hemmnisse darstellen.

Widersprüche untergraben Glaubwürdigkeit

Parallel dazu wächst die Verwirrung: Ausgerechnet Waffenhersteller wie Rheinmetall und Hensoldt gelten inzwischen als „nachhaltige Investments“. Begründung: Sie dienten der Verteidigung der Demokratie. Zuvor hatte es bereits die Atomkraft in die EU-Taxonomie geschafft – mit dem Segen aus Brüssel.

Der Begriff „nachhaltig“ verliert damit seine Bindungskraft. Anleger sehen sich getäuscht. Was gestern noch tabu war, gilt heute als vorbildlich. Die Grenze zwischen Greenwashing und Green Realignment verschwimmt – und mit ihr der Glaube an die ESG-Klassifikation.

Regulierung überfordert Mittelständler und Berater

Auch auf regulatorischer Ebene nimmt der Gegenwind zu. Die neue CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) zwingt auch den gehobenen Mittelstand in ein starres ESG-Korsett. Berichtsstandards wie die ESRS gelten als überkomplex, teuer und praxisfern. Viele Unternehmen fühlen sich allein gelassen.

Private Banker haben derweil mit den Offenlegungspflichten der SFDR und den ESG-Abfragen der MiFID II zu kämpfen. Kunden verstehen die Pflichtabfragen oft nicht – und die Berater können oder wollen sie nicht sauber umsetzen. Das ESG-Gespräch wird oftmals zur Pflichtübung ohne Überzeugung.

Omnibus-Paket bringt zusätzliche Unsicherheit

Die EU legt nach. Mit dem sogenannten Omnibus-Gesetzespaket (inklusive ESG-Namensleitlinie der ESMA) will sie Begriffe wie „nachhaltig“ oder „impact-orientiert“ nur noch zulassen, wenn harte Kriterien erfüllt sind. Die Rechtslage ist jedoch diffus. Viele Banken ziehen sich deshalb präventiv zurück und stufen Produkte zurück – von Artikel 9 auf Artikel 8 oder gleich ganz aus dem ESG-Bereich heraus.

Damit verliert ESG nicht nur an Attraktivität, sondern auch an Sichtbarkeit. Die Transformation gerät ins Stocken. Aus einst ambitionierten Strategien wird ESG-Light: ein bisschen Risiko, ein bisschen Image, wenig Wirkung.

Performance-Enttäuschung beschleunigt Trendwende

Hinzu kommt: Die ESG-Versprechen haben sich wirtschaftlich nicht erfüllt. Neue Studien belegen durchaus glaubhaft, dass ESG-Produkte seit dem Zinsanstieg oft hinter dem breiten Markt zurückbleiben. Impact kostet demnach Performance – das erkennen immer mehr Anleger und verzichten auf einen grünen Anstrich ihrer Anlagen.

Im geopolitisch unsicheren Umfeld suchen Anleger Verlässlichkeit, nicht Vision. Nachhaltigkeit erscheint plötzlich als Luxus – oder als Belastung. Die ESG-Welle trifft auf eine Zeit, die wieder Härte, Effizienz und geopolitische Klarheit fordert. Da passt grüne Ambiguität nicht mehr ins Bild.

ESG steht unter Druck – in der Regulierung, in der Kundenwahrnehmung und in der Performance. Wer heute nachhaltig investieren will, braucht keine Marketinghülle, sondern Substanz. Private Banker sollten Kunden nur noch dort ESG anbieten, wo es strategisch und wirkungsorientiert eingebunden ist – oder bewusst darauf verzichten. 
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