Künstliche Intelligenz im Stiftungswesen: Zwischen Effizienz, Ethik und Innovation
Mensch und Maschine im Dienst der Gemeinnützigkeit: KI in Stiftungen
Johannes Schricker blickt in die gespannte Runde, während auf der Leinwand hinter ihm die Worte „Künstliche Intelligenz im Stiftungswesen“ aufleuchten. „Wir stehen am Anfang einer Revolution“, ruft der Moderator des KI-Workshops „Wenn Stiftungen wüssten, was Stiftungen wissen“ zum Deutschen Stiftungstag 2025 in Wiesbaden den Teilnehmern zu. „KI ist nicht nur ein Werkzeug - sie wird unser Arbeiten, unsere Zusammenarbeit und unser Wirken grundlegend verändern.“
Die Energie im Raum ist spürbar: Zwischen Flipcharts, Laptops und Kaffeetassen diskutieren Vertreterinnen und Vertreter aus Stiftungen, IT und Verwaltung über die Zukunft ihrer Branche. Was hier entsteht, ist mehr als ein technisches Update, es ist ein neuer Prototyp für offene Datenbanken mittels Künstlicher Intelligenz. Fest steht: Auch wenn der diesjährige Deutsche Stiftungstag bereits im Mai stattfand, bleibt dennoch die Brisanz des Themas bis heute und weit darüber hinaus hochaktuell.
Von der Vision zur offenen Datenbank
Die Initiatoren des Workshops präsentieren ihre Mission: Bürokratische Aufgaben durch KI automatisieren und Engagement professionalisieren sowie Wissen vernetzen - damit sich jeder auf das Gemeinwohl konzentrieren kann. „Die Gute-Dinge-Stiftung ,Kulturator` dient dabei als Schrittmacher dieser Entwicklung mit aktuell rund 40 Projekten zu über 20 Zwecken“, erzählt Schricker im Nachgang.
Doch worum geht es? Ganz einfach: Viele Förderer kennen viele Projekte nicht und Projektträger wiederum, finden selten passende Fördermöglichkeiten. Fernab dessen, entstünden immer mehr neue „Dateninseln“. Und gerade hier setzt das Workshop-Projekt an: Alle rund 30.000 deutschen Stiftungs-Websites sollen automatisiert gelesen, relevante Informationen extrahiert und in einer offenen maschinenlesbaren Datenbank zusammengeführt werden. Was manuell fast 20 Personenjahre beanspruchen würde, ist per Crawler plus KI in wenigen Tagen jetzt möglich. Open Source steht dabei im Mittelpunkt: Jeder kann beitragen, Erfahrungen teilen und gemeinsam Mehrwert schaffen – ganz im Sinne einer demokratisierten Wissenslandschaft im Stiftungssektor.
„Engagement, Mut und digitale Kompetenz“
Was die Kraft der Kollaboration zwischen Menschen und KI sowie eine offene Datenbank hier leisten können, zeigen auch zahlreiche Use Cases: Von automatischer Antragserstellung über Matching-Algorithmen bis zur Auswertung internationaler Erfahrungsberichte. Mit dem neuen MCP-Standard („Model Context Protocol“) können ferner künftig verschiedene Anwendungen einfach angebunden werden.
„Was früher Millionen gekostet hätte, ist heute mit wenigen tausend Euro an Rechenleistung realisierbar - vorausgesetzt, die Community arbeitet solidarisch zusammen.“ Wer gemeinsam offene Daten schaffe, hebe außerdem das Potenzial des gesamten Sektors. Mit offener Zusammenarbeit entstünde schließlich eine neue Welt des Wissensaustauschs - „getragen von Engagement, Mut und digitaler Kompetenz“, ergänzt Johannes Schricker, Vorstand KULTURATOR I Gute-Dinge-Stiftung.
Präzise Spenderansprache mit KI
Der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) im Stiftungswesen markiert den Beginn einer umfassenden digitalen Transformation, die nicht nur die Effizienz interner Prozesse signifikant steigert, sondern auch das Potenzial für innovative Lösungen und mehr Transparenz eröffnet. Im Mittelpunkt steht die Automatisierung von Routinetätigkeiten wie Förderantragsbearbeitung, Buchhaltung oder Personalmanagement, wodurch Ressourcen geschont und die Qualität der Arbeit erhöht werden.
Künstliche Intelligenz eröffnet gerade dem Fundraising neue Dimensionen: „Durch die Analyse großer Datenmengen kann KI, Muster und Trends im Spendenverhalten erkennen“, erklärt Eric Heiliger, VP Channels & Partners EMEA bei Acxiom. Die Kombination aus internen und externen Daten ermöglicht eine präzisere Segmentierung von Spendern nach Interessen oder Demografie. So lassen sich personalisierte Spendenaufrufe erstellen – per E-Mail, Social Media oder Brief –, die exakt auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten sind.
KI als Ko-Pilot
Marcus Küster, Leiter Stiftungen und gemeinnützige Organisationen Wealth Management bei Hauck Aufhäuser Lampe bestätigt diese Entwicklung: „Die Erkenntnisse der vergangenen zwei Jahre haben gezeigt, dass die meisten NGOs die KI zur Datenaufbereitung, etwa in einer Spenderdatenbank, und für ,skalierbare‘ Prozesse wie daraus abgeleitete Mailings, Bearbeitung elektronisch eingehender Förderanträge oder Erstellung von Zuwendungsbestätigungen nutzen.“ KI werde folglich zur Unterstützung eingesetzt. Der direkte Kontakt zu den Donatoren bleibe aber „Menschensache“, fügt Küster hinzu.
Grenzen generativer Modelle
Große Sprachmodelle (LLMs) wie OpenAI oder Gemini sind leistungsfähig bei Textanalysen oder Zusammenfassungen – stoßen aber an Grenzen bei komplexen Echtzeitberechnungen im Finanzbereich. Berry Clemens ist Digitalexperte beim Finanztechnologiespezialisten Infront und warnt: „LLMs haben oft Schwierigkeiten mit exakten Berechnungen und können Fehler produzieren.“
Doch wie verändert KI die Erfolgsmessung und Evaluation von geförderten Projekten? „Wenn Sie LLM-Modelle auf der Grundlage einer Vielzahl historischer Projektdaten trainieren, können Sie die daraus gewonnenen Datenmuster für Simulationen und Projektprognosen nutzen. Allerdings müssen das Training und die Datenqualität erstklassig sein“, betont Clemens.
Governance und Verantwortung
Der Einsatz von KI in der Governance birgt ebenso Risiken hinsichtlich Transparenz und Verantwortlichkeit: Algorithmen könnten unfaire Muster verstärken oder Entscheidungen intransparent machen. Die VolkswagenStiftung begegnet diesen Herausforderungen mit klaren Richtlinien und regelmäßigen Schulungen aller Beteiligten.
Ein proaktives Management des Wandels sei dabei entscheidend – ebenso wie die Einbindung verschiedener Stakeholder wie etwa IT, Betriebsrat und Personalabteilung. Netzwerke wie das Research on Research Institute (RoRI) böten Plattformen zum Austausch bewährter Praktiken für einen verantwortungsvollen Umgang mit KI, ergänzt ein Sprecher der VolkswagenStiftung.
Rechtlicher Rahmen: Datenschutz bleibt Pflicht
Der Einsatz von KI ist an strenge Regeln gebunden: „Die DSGVO gilt uneingeschränkt auch für KI-Anwendungen“, betont Dr. Sachiko Scheuing, European Privacy & AI Governance Officer von Acxiom. Personenbezogene Daten müssen transparent verarbeitet werden, technische und organisatorische Maßnahmen zur Datensicherheit sind Pflicht. Mit Inkrafttreten der EU-KI-Verordnung wird zudem gefordert, dass Mitarbeitende über grundlegende Kenntnisse im Bereich KI verfügen – bevor etwa Chatbots oder Übersetzungstools eingeführt werden dürfen.
Globaler Trend mit lokalen Auswirkungen
Fest steht: Weltweit setzen immer mehr gemeinnützige Organisationen auf Künstliche Intelligenz – getrieben durch US-amerikanische Tech-Konzerne mit eigenen Ethikstandards. In Deutschland sorgt die Regulierung dafür, dass Datenschutz und Fairness halbwegs gewahrt bleiben. Zugleich scheint das Bewusstsein für Chancen und Risiken neuer Technologien zu wachsen. Für Städte und Regionen bedeutet dies einen Innovationsschub im Stiftungssektor. Der Grund: Eine effizientere Mittelverwendung stärkt das Vertrauen in gemeinnützige Arbeit und neue Kompetenzen schaffen zukunftsfähige Arbeitsplätze – auch außerhalb klassischer IT-Berufe.
Künstliche Intelligenz bietet Stiftungen enorme Chancen: Sie steigert die Effizienz, automatisiert Routinetätigkeiten und ermöglicht datenbasierte Entscheidungen – von der präzisen Spenderansprache bis zur Evaluation geförderter Projekte. Offene Datenbanken und kollaborative Ansätze fördern Transparenz und Innovation im Sektor. Gleichzeitig birgt KI mehrere Risiken: Fehlerhafte Daten, intransparente Algorithmen oder mangelnde Kontrolle können zu Fehlentscheidungen führen. Datenschutz, ethische Standards und klare Governance sind daher unerlässlich, um das Potenzial von KI verantwortungsvoll für das Gemeinwohl zu nutzen.