„Wer heute Technologieneutralität fordert, verteidigt oft die teuersten Optionen von gestern.“
Herr Dr. Mier, Sie zeigen immer wieder, dass ein koordinierter europäischer Ansatz in der Energie- und Klimapolitik einen massiven volkswirtschaftlichen Nutzen erzeugen kann. Warum spielt dieser europäische Mehrwert in der politischen Debatte eine so geringe Rolle?
Weil Europa in der öffentlichen Wahrnehmung häufig als Einschränkung nationaler Handlungsspielräume erscheint. Dabei ist genau das Gegenteil richtig: Europa ist der Hebel, um Kosten zu senken und Risiken zu teilen. Ohne Koordination handeln alle Länder isoliert – mit ineffizienten Ergebnissen. Der ökonomische Mehrwert entsteht nicht durch ambitioniertere Ziele, sondern durch intelligente Arbeitsteilung und einheitliche Rahmenbedingungen.
Kern dieses Rahmens ist der europäische Emissionshandel. Dennoch setzen viele Staaten weiterhin auf nationale Zusatzinstrumente. Wird dieser Handel etwa unterschätzt?
Er wird nicht unterschätzt, sondern oft missverstanden. Der Emissionshandel ist ein marktwirtschaftliches Steuerungsinstrument, das dort Emissionen reduziert, wo es am günstigsten ist. Wenn einzelne Länder zusätzlich massiv subventionieren oder nationale Sonderwege gehen, verzerren sie dieses Preissignal. Emissionen werden dann lediglich verlagert – nicht effizient reduziert. Der europäische Emissionshandel ist übrigens außerordentlich erfolgreich. Die betroffenen Sektoren haben in der Vergangenheit massiv ihre Emissionen reduziert. Andere Sektoren wie Gebäude und Verkehr haben sich darauf lange ausgeruht. Seine Einführung war ein genialer diplomatischer Schachzug und so wahrscheinlich auch nur auf europäischer Ebene quasi durch die Hintertür möglich. National wäre der bei unserer politischen Wankelmütigkeit schon längst wieder abgeschafft worden.
Deutschland gilt, was nationale Zusatzinstrumente angeht, als besonders eifrig. Hat das dem europäischen Klimaschutz geschadet?
Nicht aus bösem Willen, sondern aus politischer Logik. Subventionen lassen sich besser kommunizieren als Preise. Wähler mögen Förderungen, aber sie mögen keine Abgaben. Ökonomisch ist das problematisch, denn es erhöht die Gesamtkosten der Transformation – und unterminiert langfristig das Vertrauen in den Emissionshandel.
Was passiert, wenn Europa diesen gemeinsamen Kurs verliert. Was bedeutet das konkret?
Fragmentierung ist kein neutraler Zustand. Wenn Europa den gemeinsamen Rahmen aufgibt, steigen die Kosten dramatisch, Investitionen brechen ein und die Innovationsdynamik leidet. Langfristig würde Europa wirtschaftlich an Bedeutung verlieren – während andere Regionen konsequenter transformieren.
Die Kosten des Nichtstuns in Bezug auf Klimapolitik haben Sie einmal auf bis zu 8,6 Billionen Euro beziffert. Warum wird dieses Risiko politisch weniger betont als die Kosten ambitionierter Klimapolitik?
Einer demokratischen und politischen Mehrheit ist klar, dass die Kosten in die Billionen gehen, auch wenn viele mit solchen Zahlen gar nichts anfangen können. Es gibt also einen breiten Konsens, dass Nichtstun keine Option ist. Und daher wird darüber kaum gestritten. Die Debatte dreht sich vielmehr um Geschwindigkeit, Lastenverteilung und Instrumente. Problematisch wird es, wenn aus politischer Vorsicht immer wieder Verzögerungen entstehen. Verschleppung ist letztlich nur eine teurere Variante des Nichtstuns.
Die deutsche Energiewende gilt als visionär – zugleich aber als extrem komplex. Ausdruck von Weitsicht oder strukturelles Umsetzungsrisiko?
Eher Letzteres. Die technische Komplexität ist beherrschbar. Die politische ist es nicht. Ständige Kurswechsel, neue Förderlogiken und regulatorische Eingriffe erzeugen Unsicherheit. Für Investoren ist das Gift – denn Investitionen in Energieinfrastruktur haben Laufzeiten von Jahrzehnten.
Sind die aktuellen Zielkorridore denn realistisch?
Ja, technologisch und ökonomisch sind sie erreichbar. Aber der Zeitbedarf wird unterschätzt, weil wir politische Stabilität unterschätzen. Jedes Wahljahr bringt neue Debatten, neue Korrekturen, neue Zweifel. Das verzögert Entscheidungen – und Zeit ist ein knapper Faktor der Transformation.
Braucht die Energiewende mehr Tempo oder mehr Geduld?
Sie braucht vor allem Konsistenz. Tempo entsteht nicht durch hektische Eingriffe, sondern durch verlässliche Regeln. Wenn Unternehmen wissen, dass ein Rahmen über 20 oder 30 Jahre trägt, investieren sie. Ohne diese Sicherheit geschieht das Gegenteil.
Herr Dr. Mier, welche Rolle könnte Künstliche Intelligenz spielen?
KI spielt da eher eine untergeordnete Rolle, obwohl oberflächliche Informationen noch nie so inklusiv verfügbar waren. Jeder kann einfach KI fragen, was notwendig ist, was der oder der CO2 Preis für den Benzinpreis bedeutet. KI kann aber auch gezielt fehlinformieren. Insgesamt würde ich die Rolle nicht so hoch hängen, auch der Stromverbrauch durch massive KI-Anwendung ist beherrschbar.
Ein zentraler Vorwurf lautet: Deutschland steige gleichzeitig aus Kohle, Gas und Kernenergie aus. Ist das strategisch tragfähig?
So stimmt das nicht. Der Atomausstieg ist abgeschlossen, der Kohleausstieg erfolgt schrittweise, Gas bleibt als Übergangstechnologie relevant. Das eigentliche Problem war nie der Ausstieg selbst – sondern das Fehlen eines konsistenten Plans über aufeinanderfolgende Regierungen hinweg, wie diese Ausstiege begleitet werden sollen. Beispielsweise hat Rot-Grün unter Schröder den Atomausstieg beschlossen. Die Merkel-geführte CDU hat das wieder rückgängig gemacht und 2011 als Reaktion auf die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima in Folge eines Tsunamis ist sie mehr oder weniger zum alten Plan zurückgekehrt. Dabei hat sie halt komplett vergessen diese Entscheidung angemessen zu begleiten. 11 Jahre später schreit dann genau diese Partei nach Verlängerungen und einem Wiedereinstieg, weil sonst angeblich nicht genug Leistung vorhanden ist. Das ist nur eines der vielen „inkonsistenten“ Beispiele ohne Vision, ohne Plan. Viel zu oft werden langfristig wichtige Weichenstellung der kurzfristigen gesellschaftlichen Stimmung geopfert, um etwaige Wahlen nicht zu verlieren.
Kritiker verweisen auf steigende Stromimporte, insbesondere aus Frankreich. Ist der Atomausstieg klimapolitisch widersprüchlich?
Nein. Wir können nicht steuern, was die Franzosen machen und wir können auch keinen „Atomstrom“ aussperren, denn Strom ist Strom. In einem integrierten europäischen Markt fließt er dorthin, wo er gebraucht wird. Ob er aus Kernenergie oder erneuerbaren Quellen stammt, ist erstmal irrelevant. Man müsste schon alle Leitungen nach Frankreich kappen, wenn man den Atomstrom raushalten will und das hat noch viel mehr Implikationen. Im Endeffekt subventionieren die Franzosen uns ja, indem sie ihre Atomkraftwerke subventioniert haben.
Wird Klimapolitik insgesamt zu isoliert gesehen?
Ja. Energiewende, Industriepolitik, Verkehrs- und Gebäudewende werden oft getrennt diskutiert. Dabei ist Elektrifizierung der rote Faden durch alle Bereiche. Wer das nicht zusammendenkt, erzeugt Zielkonflikte – und politische Abwehrreaktionen.
Sie plädieren für Technologieneutralität. Was heißt das konkret?
Echte Technologieneutralität bedeutet, Kosten, Sicherheit und Skalierbarkeit nüchtern zu vergleichen. Tut man das, setzen sich Wind, Solar, Speicher, etwas Biomasse und flexible Gaskraftwerke durch. Neue herkömmliche Atomkraftwerke oder Small Modular Reactors sind deutlich teurer und systemisch unflexibel. Trotzdem werden sie stark subventioniert gebaut (werden) und daher wird es auch in 2050 noch signifikante Mengen an Atomstrom geben.
War Europa in den vergangenen Jahrzehnten technologieneutral?
Nein. Und das ist eine der großen Ironien der Debatte. Viele, die heute Technologieneutralität fordern, verteidigen alte Pfade. Dabei sprechen die Zahlen eine klare Sprache.
Welche Rolle spielen Wind und Sonne langfristig im europäischen Energiesystem?
Die zentrale. Vor allem Wind ist systemisch wertvoll, weil er räumliche Ausgleichseffekte in Europa ermöglicht. Solar liefert tägliche Spitzen, die gespeichert oder flexibel genutzt werden müssen. Beides ergänzt sich. Optimal in 25 Jahren ist meines Erachtens ein Erzeugungsmix aus 45-55% Wind, 20-25% Photovoltaik, dazu gibt es durch bestehende oder in der Entwicklung bestehende 15% Atomkraft. Die verbliebenen ca. 10% teilen sich Wasserkraft und Biomasse. Gas wird nur als Ergänzung in Dunkelflauten gebraucht, sein Anteil bleibt klein. Übrigens wird wahrscheinlich jede vierte Einheit Strom durch eine Batterie fließen, die gleiche Menge wird international ausgetauscht werden in Europa.
Wo liegen die realen Engpässe der Energiewende?
Aktuell sind die Engpässe eher politischer Natur. Zum Beispiel ist der schleppende Netzausbau teilweise politisch verursacht – durch Verzögerungen, Sonderregeln und lokale Blockaden. Es gibt allerdings auch Akzeptanz- und technologische Engpässe. Fehlende Akzeptanz behindert aktuell den flächendeckenden und effizienten Ausbau der Windkraft. Allerdings sind wir in Deutschland eigentlich auf einem guten Weg. Wir müssen unsere Windkraftleistung lediglich verdoppeln. Da würde es wahrscheinlich reichen einfach an den bisherigen Standorten neue (sehr hohe) Windräder zu bauen. Technisch ist heizen mit Strom über Wärmepumpen bei sehr kalten Außentemperaturen problematisch. Auch gewisse industrielle Prozesse können nicht gut und günstig dekarbonisiert werden. Da kommen wir teilweise an fossilen Redundanzsystemen oder der CO2-Abscheidung und Speicherung (CCS) nicht vorbei.
Droht die Energiewende an Akzeptanz zu scheitern?
De facto ist sie das vielerorts bereits, weil sie als Wohlstandsrisiko wahrgenommen wird. Jahrelanges Nichtstun hat zu hektischen Maßnahmen geführt. Subventionen haben Akzeptanz erkauft, aber kein Vertrauen geschaffen.
Ist die Energiewende somit Risiko oder Chance?
Beides. So wie sie derzeit gemanagt wird, ist sie ein erhebliches industriepolitisches Risiko. Strategisch sauber umgesetzt, ist sie die größte wirtschaftliche Chance Europas seit Jahrzehnten.