ODDO BHF SE: Nachhaltigkeit mit angezogener Handbremse?
Nachhaltigkeit als Pflicht – Anspruch und Wirklichkeit bei ODDO BHF SE
ODDO BHF SE präsentiert sich als Institut, das Nachhaltigkeit fest in seiner Unternehmensstrategie verankert hat. Alle Portfolios werden laut eigenen Angaben nach ESG-Kriterien gemanagt, der Investmentprozess ist seit 2020 explizit um einen Nachhaltigkeitsfilter ergänzt worden, der für sämtliche Mandate gilt und nicht abwählbar ist. Die Bank engagiert sich in verschiedenen Initiativen wie Climate Action 100 oder Finance for Tomorrow und veröffentlicht jährlich einen CSR-Report.
Im öffentlichen Diskurs um Greenwashing, EU-Taxonomie und kritische Stimmen zu nachhaltigen Anlageprodukten bleibt die Bank ihrem Kurs treu. Anpassungen an der Strategie erfolgen nur dann, wenn sie aus regulatorischen Gründen oder aufgrund expliziter Kundenwünsche notwendig erscheinen – so etwa jüngst bei der Möglichkeit, wieder in konventionelle Waffen zu investieren.
Kundeninteresse bleibt gering
Trotz des umfassenden Angebots zeigt sich in der Praxis ein anderes Bild: Das Interesse der Kundschaft an nachhaltigen Anlagen ist gering ausgeprägt. Weniger als zehn Prozent der Kunden äußern explizit den Wunsch nach nachhaltigen Investments. Seit Einführung der Pflichtabfrage im August 2022 liegt die Quote sogar nur bei sieben Prozent.
Die Beratung erfolgt offen und individuell, doch die Definition von Nachhaltigkeit variiert stark zwischen den Kunden. Während einige Wert auf strenge Ausschlusskriterien legen, wünschen andere gezielt Investitionen in Sektoren wie Rüstung – eine Entwicklung, auf die ODDO BHF SE mit einer Anpassung ihrer Anlagerichtlinien reagiert hat.
Strukturen vorhanden – Wirkung begrenzt
Die organisatorischen Voraussetzungen für nachhaltiges Private Banking sind bei ODDO BHF SE zweifellos gegeben: Ein internes Komitee mit ESG-Experten aus allen relevanten Fachbereichen begleitet die Umsetzung des CSR-Anspruchs, sämtliche Berater sind geschult und können eine ESG-Beratung durchführen.
Auch das Produktangebot entspricht formal den Anforderungen der EU-Taxonomie (Art. 8 SFDR). Dennoch bleibt unklar, wie weit diese Standards tatsächlich über regulatorische Mindestanforderungen hinausgehen oder ob sie lediglich das Notwendige erfüllen.
Produktpalette und Investmentprozess
Sämtliche Angebote im deutschen Private Wealth Management entsprechen laut Selbstauskunft §8 SFDR. Individuelle Mandate sind ab einer Million Euro möglich, Einzeltitelstrategien ab drei Millionen Euro zugänglich. Für Publikumsfonds gibt es kein Mindestvolumen.
Der Investmentprozess integriert einen hauseigenen Qualitätsansatz mit klar definierten Ausschlusskriterien (z.B. kontroverse Waffen, Tabak, Kohle), Portfoliozielen (MSCI ESG-Rating mindestens A) sowie Engagement-Aktivitäten gegenüber Unternehmen. Externe Datenquellen wie MSCI ESG Research werden genutzt, dienen aber primär als Rohdaten für eigene Analysen.
Transparenzdefizite trotz Reporting
Zwar veröffentlicht ODDO BHF SE jährlich einen CSR-Report, konkrete Details zu Wirkung oder Impact bleiben jedoch vage formuliert oder fehlen ganz – insbesondere im Hinblick auf messbare Verbesserungen für Umwelt oder Gesellschaft durch die angebotenen Produkte.
Auch die Kommunikation nach außen wirkt zurückhaltend: Auf der Website wird kaum offensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit geworben, was Zweifel an der tatsächlichen Priorisierung des Themas weckt.
Mitarbeiterausbildung und Expertise
Positiv hervorzuheben ist die flächendeckende Schulung aller Beraterinnen und Berater zum Thema nachhaltige Vermögensanlage sowie die regelmäßige interne Kommunikation zur Weiterentwicklung der ESG-Strategie.
Ein eigenes Team aus rund 150 Spezialisten steht bereit, dennoch bleibt offen, wie tiefgreifend deren Expertise tatsächlich über Basiswissen hinausgeht oder ob sie vor allem formale Anforderungen erfüllen.
Kundenfokus versus Standardisierung
Während alle Portfolios nach hauseigenen Kriterien als nachhaltig gelten, bleibt wenig Raum für individuelle Präferenzen jenseits dieser Standards – außer bei expliziten Wünschen wie etwa Investitionen in Rüstungsgüter.
Die Bank betont zwar ihre Fähigkeit zur Individualisierung, faktisch dominiert jedoch ein standardisierter Ansatz ohne echte Differenzierung zwischen verschiedenen Kundensegmenten oder -bedürfnissen.
Vergleich zum Wettbewerb
Im aktuellen Ranking fällt ODDO BHF SE deutlich zurück: Mit nur noch 66 Punkten (Vorjahr: 74) rutscht das Institut weiter ab und erhält erstmals ein Downgrade zum „Lehrling“ mit negativem Ausblick. Damit entfernt sich die Bank nicht nur vom Branchendurchschnitt, sondern auch von Wettbewerbern wie FERI AG, Globalance Bank AG oder Weberbank Actiengesellschaft, die ihre Position durch Innovationskraft und Transparenz stärken konnten.
Insbesondere im Bereich Transparenz sowie bei der aktiven Einbindung externer Expertise besteht Nachholbedarf, auch das Angebot bleibt hinter den Möglichkeiten zurück, da viele Lösungen erst ab hohen Mindestvolumina zugänglich sind.
ODDO BHF SE verfügt über solide Strukturen zur Integration von Nachhaltigkeit ins Private Banking und erfüllt regulatorische Anforderungen umfassend. Dennoch bleibt das tatsächliche Engagement hinter den Ambitionen zurück: Das geringe Kundeninteresse spiegelt sich ebenso wider wie Defizite bei Transparenz und Individualisierung des Angebots. Der Punktverlust im aktuellen Ranking verdeutlicht den Handlungsbedarf – insbesondere im Vergleich zu führenden Häusern am Markt muss ODDO BHF SE künftig stärker differenzieren sowie Wirkung und Innovation glaubhaft kommunizieren.