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Nachhaltige Geldanlage

Warum Nachhaltigkeit mehr ist als ein Börsentrend

Copyright: Frankfurt School of Finance and Management
Nachhaltige Geldanlagen haben ihren Glanz verloren, Kritiker fühlen sich bestätigt und viele Anleger wenden sich anderen Themen zu. Doch steckt hinter der aktuellen Schwäche tatsächlich das Ende eines Megatrends oder nur eine typische Marktphase? Warum Regulierung Vertrauen nicht automatisch schafft, welche Rolle Berater dabei spielen und weshalb ESG kein Modethema, sondern eine langfristige Anlagestrategie ist, erklärt dieser Beitrag. Er zeigt, warum nachhaltiges Investieren Zukunft hat.

Gedanken zur aktuellen Entwicklung nachhaltiger Geldanlagen

Im Bereich der nachhaltigen Geldanlagen ist zuletzt eine gewisse Ernüchterung eingetreten. Angesichts veränderter politischer Prioritäten rechnen viele Investoren und Analysten in den kommenden Jahren mit einer Verlangsamung der Entwicklung. An den Börsen hat daher ein Wechsel der Favoriten stattgefunden – ein Phänomen, das sich regelmäßig bei Trends und Technologien beobachten lässt.

Der ESG-Hype ist vorbei

Nur weil die Politik das Thema nicht mehr so stark im Fokus hat, verschwinden die Herausforderungen, die sich aus dem Klimawandel und sozialen Fragen ergeben nicht. Nachhaltigkeit bleibt langfristig ein fester Bestandteil der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Agenda.

Nachhaltigkeit bleibt ein Langfristthema

Die Regulierung hatte insbesondere die Ziele für Verbraucherschutz zu sorgen und Vertrauen zu schaffen. Übersehen wurde jedoch, dass ein so komplexes und vielschichtiges Thema wie Nachhaltigkeit sich nicht in ein strenges Korsett schnüren lässt. Zu differenziert sind die Wirtschaftsbranchen und Unternehmen aber auch die individuellen Vorstellungen der Anleger zu Nachhaltigkeit.

Grenzen der Regulierung

Es ist ein Irrtum zu glauben, eine staatliche Institution könnte den Begriff für alle umfassend definieren, da er sehr stark von den individuellen Vorstellungen des einzelnen abhängig ist. Dass es sehr unterschiedliche Ansichten gibt, haben wir bereits vor einigen Jahren bei der Diskussion über die Atomenergie gesehen und nun im Bereich Rüstung.

Die öffentliche Diskussion zu einzelnen Branchen sowie über Standards und Regulierung hat nicht zu mehr Vertrauen bei den Anlegern geführt, sondern vielfach Unsicherheiten verursacht und bestehende Vorbehalte bestätigt – und damit Skeptikern zusätzliche Argumente geliefert.

Vertrauen entsteht nicht durch Regulierung allein

Die Relevanz des Themas Nachhaltigkeit hat in der Beratung vermögender Kunden abgenommen. Dafür gibt es mehrere Gründe: Nur wenige Privatkunden fragen aktiv nach entsprechenden Produkten, während institutionelle Investoren ein deutlich größeres Interesse zeigen. Somit sind nachhaltige Geldanlagen bei Privatkunden stark angebotsgetrieben.

Die regulatorische Pflicht zur Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen ist sinnvoll. Dies bietet die Möglichkeit mit dem Kunden zu dem Thema ins Gespräch zu kommen. Beraterinnen und Berater berichten mir, dass viele ihre Kunden nachhaltigen Anlagen sehr aufgeschlossen sind. Andere sehen bei ihren Kunden kein Interesse für ESG-Themen.

Die Haltung des Beraters ist entscheidend

Die Akzeptanz ist im Besonderen davon abhängig, wie das Thema bei den Kunden in der Beratung platziert wird und welche Haltung die Gesamtbank und der einzelne Berater zu dem Thema Nachhaltigkeit einnimmt.

Vielfach wird dem Kunden vermittelt, dass es sich bei den Fragen zur Nachhaltigkeitspräferenz um eine regulatorische Pflichtübung handelt. Viele Beraterinnen und Berater sind der Meinung, sie würden ihre Kunden schon kennen oder haben Bedenken, mit diesen über das sehr persönliche und mitunter auch kontroverse Thema zu sprechen.

Die Rolle der Beratung

Dabei bietet es die Chance, mehr über die Ziele und Wünsche des Kunden zu erfahren. Hierdurch ist es möglich, die Qualität der Beratung zu steigern, die Kundenzufriedenheit zu erhöhen und die Kundenbindung zu vertiefen.

Nachhaltige Geldanlagen sind deutlich erklärungsbedürftiger und vertrauensempfindlicher als klassische Investments. Gerade im Retail Banking bestehen konkrete Zielvorgaben hinsichtlich der vertriebenen Produkte und der Erträge. Es werden einzelne Anlagen getätigt und es fehlt eine kontinuierliche Betreuung der Kunden. Die Mitarbeiter betreuen eine Vielzahl von Kunden, sodass die Beratung zeitlich deutlich enger getaktet stattfindet.

Private Banking hat einen Vorteil

Demgegenüber steht im Private Banking und Wealth Management die kontinuierliche und ganzheitliche Betreuung im Vordergrund. In der Regel sind die persönliche Situation und die Bedürfnisse der Kunden bekannt. Dies führt zu einer engeren Kundenbeziehung, schafft Vertrauen und bietet auch Raum sich über das Thema nachhaltige Geldanlagen intensiver auszutauschen. Mit Blick auf die Renditeentwicklung von nachhaltigen Geldanlagen im Vergleich zu Anlagen ohne Nachhaltigkeitsfokus ist eine differenzierte Betrachtung notwendig. Es ist eine Binsenweisheit, dass sich die verschiedenen Geldanlagen in einzelnen Jahren unterschiedlich entwickeln.

Beliebt sind Rankings, die darstellen, welche Assetklasse, welche Branche, welche Länder und welche Anlagestrategie sich im letzten Jahr besonders gut entwickelt hat. Diese Vergleiche sind für langfristig ausgerichtete Investoren nur bedingt aussagefähig. So werden häufig nur sehr kurze Zeiträume betrachtet, was dazu führt, dass die Favoriten jedes Jahr wechseln. So haben vor einigen Jahren Unternehmen aus der Windenergiebranche besonders hohe Wertsteigerungen erzielt, in anderen Jahren US-Technologierwerte sowie Kryptowährungen oder Gold.

Risiko gehört zur Renditebetrachtung

Zumeist werden nur die absoluten Renditen, jedoch nicht das mit der Anlage verbundene Risiko betrachtet. Darüber hinaus handelt es sich um historische Vergleiche. Keinem Portfoliomanager wird es gelingen, zu Beginn jeden Jahres in die Anlagen zu investieren, die zukünftig am besten performen.

Auch wenn Rüstungsaktien besonders hohe Renditen in den letzten Monaten erzielt haben, werden nur wenige Anleger bereit sein, ausschließlich in diese Branche zu investieren. Für die Anleger ist es daher eine diversifizierte Anlage in unterschiedliche Assetklassen, Ländern und Branchen zu empfehlen. Einen breit diversifizierten Nachhaltigkeitsfonds mit einem Index, der nur aus Rüstungsunternehmen besteht, zu vergleichen, ist daher nicht anderes als der sprichwörtliche Vergleich von Äpfeln mit Birnen.

Renditevergleiche greifen häufig zu kurz

Mit Einführung der EU-Regelungen haben viele Fondsanbieter und Banken ihren vertrieblichen Fokus auf Artikel 8 und 9 Fonds gelegt. Aufgrund ihrer expliziten Ausrichtung auf die Erzielung von Nachhaltigkeitswirkung und einzelne Sustainable Development Goals (SDGs), ist das Anlageuniversum bei Artikel 9 Fonds deutlich eingeschränkt.

Je nach wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Entwicklung können diese Fonds in einzelnen Jahren deutlich besser, aber auch deutlich schlechter abschneiden als der Gesamtmarkt. Aufgrund ihres Themen- und Branchenfokus sind sie auch mit höheren Risiken für die Anleger verbunden. Sie sollten daher zur Beimischung in Portfolien verwendet werden. Dies gilt im Übrigen auch für nicht nachhaltige Themenfonds, die sich auf Anlagen in Rüstung, Biotechnologie oder Künstliche Intelligenz beschränken.

Themenfonds sind keine Basisanlage

Diese Produkte werden als Zukunftstrends mit hohen Renditepotenzialen den Anlegern angepriesen. Die Auflegung der Produkte und ihre Vermarktung erfolgt häufig erst dann, wenn sich die Kurse der Aktien bereits über längere Zeit deutlich positiv entwickelt haben. Da Trends sich abschwächen, verspäten oder es technologische Rückschläge gibt, sind Enttäuschungen der Anleger vorprogrammiert. Hiervor können breiter investierende aktive Fonds oder ETFs schützen.

Nachhaltigkeit als Anlagestrategie verstehen

Ziel sollte es sein, im mehrjährigen Durchschnitt eine, dem Risiko der Anlage angemessene Rendite zu erwirtschaften. Hierbei ist auch die Risikoneigung der Anleger zu berücksichtigen. Betrachtet man die aktuelle Diskussion, so besteht vielfach ein grundsätzliches Missverständnis: Nachhaltigkeit ist kein Anlagethema, das mal mehr oder weniger attraktiv ist und im Rahmen der taktischen Asset Allocation über- oder untergewichtet wird, sondern eine grundsätzliche Anlagestrategie.

Weg von der Themenlogik

Um nachhaltige Anlagen wieder stärker in den Fokus der privaten Anleger zu rücken und das Volumen der investierten Gelder zu steigern, ist ein Umdenken bei Fondsanbietern aber auch im Vertrieb erforderlich. So standen in der Vergangenheit beim Angebot nachhaltiger Anlagen häufig einzelne Themen und kurzfristige Renditechancen im Fokus.

Im Vordergrund sollte stattdessen die grundsätzliche Ausrichtung des Anlageportfolios stehen. Im Vertrieb und in der Beratung in der Breite der privaten Kunden sollten nachhaltige Anlagen angeboten werden, die als Basisinvestments dienen und die über ein Anlageuniversum verfügen, dass nicht so stark eingeschränkt ist.

Best-in-Class als pragmatischer Ansatz

Statt strengem Negativ- oder Positivscreening sollten Best-in Class-Ansätze verwendet werden. Hierbei wird in Unternehmen investiert, die in ihrer Branche im Rahmen einer Nachhaltigkeitsbewertung am besten abschneiden. Sicherlich kann man kritisieren, dass hierdurch auch Gelder in Branchen und Unternehmen fließen, jedoch bietet dies eine Motivation zur nachhaltigen Transformation.

Ein solche Vorgehen stellt m.E. einen pragmatischen Ansatz dar, um das Bewusstsein für nachhaltige Geldanlagen zu fördern und mehr Anlegergelder in diese Richtung zu lenken.

Schritt für Schritt zu mehr Nachhaltigkeit

Eine stärkere Ausrichtung der Wirtschaft unter Berücksichtigung von Umwelt- und sozialen Aspekten ist wesentlich für die zukünftige Entwicklung der Wirtschaft aber auch unserer Gesellschaft. Hierbei handelt es sich um einen Transformationsprozess, den man so auch auf die Geldanlage übertragen kann. Wichtig ist, dass man sich überhaupt erst einmal auf den Weg macht, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt und das mehr Gelder von privaten Investoren in nachhaltige Geldanlagen fließen. Dafür müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, alles mit nur einem Schritt erreichen zu können.

Nachschärfen kann man sein Portfolio immer noch. Und genau das wird passieren: Viele Anleger, die in Nachhaltigkeit investieren, werden sich sukzessive intensiver mit dem Thema beschäftigen und werden ihr Geld peu à peu nach strengeren Kriterien anlegen. Dies sieht man auch bei Lebensmitteln, wo immer mehr Verbraucher das Tierwohl bei ihren Einkäufen berücksichtigen.


Zur Person:

Professor Dr. Martin Faust ist seit 2002 Professor für Bankbetriebslehre an der Frankfurt School of Finance & Management. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen im Private Banking und Wealth Management sowie der Unternehmensfinanzierung und auf dem Gebiet der Nachhaltigen Geldanlagen.
Nach Abschluss der Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Westdeutschen Landesbank in Düsseldorf absolvierte Herr Faust ein Studium der Wirtschaftswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Anschließend war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bochum am Lehrstuhl für Finanzierung und Kreditwirtschaft von Prof. Dr. Dr. h.c. Joachim Süchting.

Die Promotion zum Dr. rer. oec. erfolgte im Mai 2001. Seit 1996 ist Herr Faust als Dozent für die Frankfurt School of Finance & Management tätig. Neben seinem Engagement in den Studiengängen der Frankfurt School ist er wissenschaftlicher Leiter der Weiterbildungs-Programme Financial Planner, Financial Consultant und Estate Planner. Er führt Seminare und Workshops durch u.a. in den Bereichen Bankbetriebslehre, Kapitalmarkt und Portfoliomanagement sowie Geld- und Vermögensanlage. Darüber hinaus erstellt und verantwortet er Studienbriefe, Web Based Trainings und Webinare für verschiedene Bildungsmaßnahmen.

Herr Faust ist Mitherausgeber der Sammelbände „Private Banking und Wealth Management“, „Nachhaltige Geldanlagen“ und „Unternehmensnachfolge im Mittelstand“. Er ist Mitinitiator und wissenschaftlicher Leiter der seit dem Jahr 2008 jährlich stattfindenden Konferenz „Nachhaltige Geldanlagen“ des Frankfurt School Forums. Regelmäßig kommentiert er in den Medien aktuelle Entwicklungen auf dem Finanz- und Bankenmarkt.

Die aktuelle Zurückhaltung gegenüber nachhaltigen Geldanlagen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Nachhaltigkeit ein langfristiger Transformationsprozess bleibt. Entscheidend sind weniger kurzfristige Renditevergleiche als eine strategische Portfolioperspektive. Nachhaltige Investments sollten als breit diversifizierte Basisanlagen verstanden werden. Mehr Aufklärung, bessere Beratung und pragmatische Konzepte können dazu beitragen, das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen.
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