Wer redet mit – und wer entscheidet?
Zwischen Gremienstruktur und Governance-Rhetorik
Viele Banken im Private Banking schmücken sich mit Nachhaltigkeitskomitees. Auf den ersten Blick entsteht ein professioneller Eindruck: Interne Runden, externe Beiräte, monatliche Sitzungen, strategische Abstimmungen. Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich: Die institutionelle Hülle ist häufig stärker als die tatsächliche Umsetzungsmacht. Zwar sind Strukturen vorhanden, aber nur wenige Institute binden ihre ESG-Gremien tief und wirksam in Investmententscheidungen ein.
Bethmann, Globalance, FERI und LGT bilden hier Ausnahmen. Bei ihnen sitzen Vorstand, Portfoliomanagement und ESG-Verantwortliche regelmäßig zusammen – nicht nur, um zu beraten, sondern auch um Richtlinien zu definieren und deren Umsetzung zu kontrollieren. Besonders die LGT-Gruppe demonstriert, wie ESG nicht nur strategisch gedacht, sondern in operativer Verantwortung quer durch alle Regionen und Fachbereiche geführt wird.
Interne Expertise stark – Entscheidungsbefugnis schwach
Der häufigste Schwachpunkt vieler Komitees liegt in der fehlenden Entscheidungskompetenz. Auch wenn zahlreiche Banken – wie die Frankfurter Bankgesellschaft oder Schelhammer Capital – auf beeindruckende Besetzungen mit Professoren, Fachleitern oder Top-Managements verweisen, bleibt deren Einfluss auf konkrete Investmententscheidungen meist indirekt. In vielen Fällen liegt die letzte Entscheidung über Anlageprodukte beim Portfoliomanagement – ein Muster, das auch regulatorisch gestützt, aber für den Anleger nicht immer transparent ist.
Eine klare Trennung zeigt sich dabei zwischen dem internen Steuerungskreis – häufig zuständig für unternehmensweite ESG-Themen wie Mobilität, Reisen oder Bürobetrieb – und den Gremien, die tatsächlich Einfluss auf Anlageuniversen und Produktauswahl nehmen. Letztere sind in der Minderheit. Komitees mit direkter Entscheidungskompetenz bleiben die Ausnahme, etwa bei LGT oder Globalance.
Externe Expertise: gut gemeint, selten eingebunden
Viele Häuser setzen ergänzend auf externe Expertise. Diese kommt in Form unabhängiger Beiräte, Kooperationspartner oder ESG-Ratingagenturen. Hauck Aufhäuser Lampe beispielsweise lässt sich von drei renommierten Professoren beraten, Bethmann unterhält einen festen Nachhaltigkeitsbeirat seit 2011. Doch auch hier: Die Wirkung ist meist beratend, nicht steuernd. Die Kunden dürfen mitdiskutieren – entscheiden tun andere.
Ganz anders der Anspruch bei FERI: Das SDG-Office koordiniert nicht nur ESG-relevante Prozesse konzernweit, sondern entwickelt eigene Analysemethoden, die in einem proprietären System (SUSEN) mit über 550 Kriterien verarbeitet werden. Auch LGT betreibt ein eigenes ESG-Rating auf Basis mehrerer Datenanbieter und setzt dies direkt zur Steuerung der Portfolios ein – ein seltener Fall echter Unabhängigkeit.
Kooperationspartner und Datenquellen: zwischen Vielfalt und Einfalt
Auffällig ist die große Spannbreite bei den verwendeten ESG-Daten. Einige Institute – etwa Weberbank, Warburg oder LGT – greifen auf ein ganzes Bündel externer Anbieter zurück. Andere nennen lediglich MSCI oder ISS – oder gar keine Agentur. Die Transparenz über die Auswahl und Gewichtung dieser Quellen bleibt meist vage. Wer wie stark auf welche Quelle vertraut, ist für Kunden oft kaum nachvollziehbar.
Nur wenige Banken – etwa LGT, FERI oder M.M. Warburg – verarbeiten die ESG-Daten systematisch weiter, um sie in ein internes, investierbares Nachhaltigkeitsrating zu überführen. Diese Banken schaffen sich damit eine eigene Sicht auf Nachhaltigkeit und entziehen sich dem Risiko verzerrter Agenturmeinungen. Das wirkt professionell und schafft Vertrauen – vor allem für anspruchsvolle Kunden.
Nicht jedes ESG-Komitee entscheidet auch über nachhaltige Investments. Wer als Anleger Nachhaltigkeit ernst nimmt, sollte gezielt nachfragen: Sitzt das Gremium am Entscheidungstisch? Gibt es eigene Ratings? Nur dann wird aus ESG-Governance echte Wirkung – und nicht bloß ein Aushängeschild fürs Marketing.