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Die Grenzen der Cancel-Culture

Als wissenschaftlich getarnte Willkür

Fuchsbriefe-Chefredakteur Ralf Vielhaber. © Verlag FUCHSBRIEFE
Facebook verfährt beim Sperren von Accounts nach dem Prinzip: Ich lieb dich, ich lieb dich nicht. Politische Willkür wird dabei gern als wissenschaftlich untermauert getarnt. Das ist Demokratien nicht würdig. Was dabei herauskommt, zeigt die Diskussion um den Ursprung von Sars-Cov2.

Die aktuellen Ermittlungen der US-Geheimdienste zum Ursprung des Sars-Cov-2-Virus werfen ein Schlaglicht auf die Zensur in Demokratien, die Cancel Culture. Immer mehr Accounts werden reichlich willkürlich von Sozialen Medien wie Facebook gesperrt, weil sie vermeintlich Unwahrheiten verbreiten. Man beruft sich bei diesem Vorgehen gerne auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Und ignoriert, dass Wissenschaft im Kern das Infragestellen von „Tatsachen“ ist. Zudem steht Wissenschaft aufgrund der Notwendigkeit, Drittmittel beschaffen zu müssen, verstärkt unter politischem und wirtschaftlichem Einfluss.

Wie schmal der Grat ist, auf dem die Cancel Culture wandelt, zeigt das Vorgehen von Facebook. Die Plattform beschloss erst in der vergangenen Woche, keine Beiträge mehr zu zensieren, in denen behauptet wird, dass Covid-19 möglicherweise aus einem Labor im chinesischen Wuhan, dem Wuhan Institute of Virology (WIV), stammt. Die These galt vor allem auch deshalb als „anrüchig“, weil Ex-US-Präsident Donald Trump sie aufgegriffen und genüsslich verbreitet hatte. Es ging – wie so häufig heutzutage – weniger darum, was da gesagt wurde, sondern von wem.

Die fragwürdige Rolle vieler Medien

FUCHSBRIEFE-Leser sind mit der Labor-These seit Februar 2020 vertraut. Wir haben mehrfach unter Berufung auf diplomatische Quellen zu dem Thema berichtet. Die WHO aber lieferte einen Bericht, der diese Annahme so gut wie ausschloss. Inzwischen ist bekannt, dass die an der Untersuchung beteiligten Forscher keineswegs unabhängig von chinesischem Einfluss waren und sind. Auch das wissen FUCHSBRIEFE-Leser seit langem.

Die hiesigen Medien sprangen auf den WHO-Zug reichlich unkritisch auf. Der Hamburger Physiker Roland Wiesendanger wurde geradezu verfemt, weil er aufgrund der Zusammenstellung aller bekannten Fakten zu dem Schluss kam, das Virus würde seiner Ansicht nach aus dem Labor stammen. Die Deutsche Welle kritisierte in einem „Faktencheck“, dass Wiesendanger keinen wissenschaftlichen Ansatz genutzt habe, um seine These zu belegen, sondern „nur“ verfügbare öffentliche Quellen ausgewertet. „Uni mit fragwürdiger Theorie“, titelte das ZDF. „Warum tut er das?“, fragte die ZEIT rhetorisch und ließ durchblicken: Sowas tut ein seriöser Wissenschaftler doch nicht. Der Stern titelte gar: „PR-Desaster für Hamburger Uni“.

Laborunfälle sind gar nicht so selten

Doch die Faktendecke für die Behauptung, dass das Virus von einem Tiermarkt in Wuhan auf den Menschen übergesprungen sei, ist genauso dünn. Es ist eben auch nicht mehr als eine bis heute unbewiesene These, die sich auf allgemeine wissenschaftliche Erkenntnisse stützt.

Dem lässt sich entgegenhalten, dass auch Laborunfälle mit Viren gar nicht so selten sind. Bei Pocken (Großbritannien), Sars-Cov 1 (Singapur, Taiwan, Peking), Brucellose (Lanzhou) Influenza h1n1 (China oder Russland) sind entsprechende Fälle bekannt, berichtet der Economist. Und das Forschungszentrum in Wuhan galt seit spätestens 2018 als Sicherheitsrisiko, speziell für Coronaviren.

Propagandamaschinen der Demokratie

Die Frage muss deshalb lauten, wieweit Konzerne wie Facebook oder Google (Alphabet Inc.) und ein Teil der Medien inzwischen regierungsamtliche Propagandamaschinen sind. Was gestern noch als Verschwörungstheorie gecancelt wurde, ist heute als Regierungsmeinung plötzlich wieder salonfähig und „wahr“? Präsident Biden befahl am vergangenen Mittwoch den US-Geheimdiensten, tiefer in die Ursprünge von Covid-19 einzudringen – und parallel reagierte Facebook. Eine völlige Kehrtwende, nachdem der US-Präsident Berichten zufolge schon angeordnet hatte, eine Ermittlungseinheit des Außenministeriums zu schließen.

Dabei hatte schon am 6. Februar 2020 Botao Xiao von der South China University of Technology ein Papier veröffentlicht, in dem er feststellte, dass das Virus „wahrscheinlich aus einem Labor in Wuhan stammt“. Doch der Forscher für molekulare Biomechanik zog seine Veröffentlichung zurück. Vermutlich unter dem Eindruck, dass Chinas Regierung sofort auf die Barrikaden ging: Pekings Botschafter in den USA erklärte, Laborleck-Theorien seien "absolut verrückt" und könnten "Rassendiskriminierung“ und „Fremdenfeindlichkeit" fördern. Am 19. Februar 2020 veröffentlichte die angesehene Fachzeitschrift The Lancet eine Erklärung von Wissenschaftlern, in der sie „Verschwörungstheorien, die darauf hindeuten, dass COVID-19 keinen natürlichen Ursprung hat“, verurteilen. Obwohl einige Akademiker anderer Meinung waren, wurde das Dokument als „Beweis“ dafür herangezogen, dass die Labor-These als Unsinn „entlarvt“ sei.

Interessenvermischung von Wissenschaftlern

Das Wallstreet Journal schreibt, das Lancet-Statement sei von Peter Daszak organisiert worden. Dessen gemeinnützige Organisation habe wiederum die Forschung am WIV finanziert. Er hatte somit ein klares Interesse daran, die Labortheorie zu verwerfen. Denn das könnte zukünftige Forschungsaufträge gefährden. Der Zoologe gehörte auch dem Untersuchungsteam der Weltgesundheitsorganisation an, das Anfang dieses Jahres nach Wuhan entsandt wurde. Inzwischen haben immerhin drei der Lancet-Unterzeichner gesagt, dass die Labor-These mehr Beachtung verdient.

Auch der US-“Obervirologe“ und Biden-Berater Dr. Anthony Fauci wies im Mai 2020 die Labortheorie in einem Interview mit National Geographic zunächst zurück. Es irritiert, dass sein Nationales Institut für Allergien und Infektionskrankheiten das WIV über die gemeinnützige Organisation von Daszak finanziert hatte. Inzwischen wird jedoch auch Fauci von China attackiert, weil er mit Äußerungen dazu beigetragen habe, dass sich die Theorie verbreitet, dass das Coronavirus im Labor in Wuhan entstanden sei. Er habe damit "chinesische Wissenschaftler verraten" und er sei an einer "großen Lüge gegen China" beteiligt, zitiert CNN die staatsnahe, chinesische Zeitung "Global Times".

Meinungen dürfen in einer Demokratie nicht weggesperrt werden

Um es deutlich zu sagen: Zur Verbreitung des Sars-Cov-Virus gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Wie eigentlich keine „Erkenntnis“ wirklich „sicher“ ist. Gerade deswegen dürfen Meinungen nicht weggesperrt werden. Auch wenn sie weite Teile der Öffentlichkeit als „krude“ empfinden. Die Grenze lässt sich immer noch da ziehen, wo öffentlich zu Gewaltanwendung aufgerufen wird. Was unter dieser Schwelle liegt, muss Demokratie aushalten. Sonst stellt sie sich selbst infrage.

Auch in Deutschland sind Soziale Medien schnell dabei, „Verschwörungstheoretiker“ den Saft abzudrehen. Bedenklich ist, wie leichtfertig – gerade vor dem aufgezeigten Beispiel – dabei mit der Meinungsfreiheit umgegangen wird. So hat Youtube soeben den als Verschwörungstheoretiker bezeichneten Journalisten Ken Jebsen (KenFM) kaltgestellt.

Auffällig ist, dass überwiegend Stimmen aus dem „rechten Lager“ gecancelt werden. So sind die Interessen von Politik, Wirtschaft und Sozialen Medien eng verwoben – zum Schaden der Demokratie. Diese müsste ihre Stärke in diesen Umbruchzeiten gerade dadurch beweisen, dass sie zeigt, dass sie vermeintliche Desinformation aushält und nicht aus angeblicher oder tatsächlicher Furcht vor autoritären politischen Strömungen selbst immer mehr autoritäre Züge annimmt.
Die Grenze lässt sich immer da ziehen, wo öffentlich zu Gewaltanwendung aufgerufen wird. Was unter dieser Schwelle liegt, muss Demokratie aushalten. Sonst stellt sie sich selbst infrage.
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