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Nachhaltigkeit ganzheitlich betrachten

Der Unfug mit der Kerninflation

Fuchsbriefe Chefredakteur Ralf Vielhaber. Copyright: Verlag Fuchsbriefe
Wenn die Inflationsraten steigen, dann verweisen Volkswirte, die das beschönigen wollen, gerne auf die Kerninflation. Im Kern bleibt doch alles günstig, ist die Botschaft. Dabei gehen für Energie und Wohnen 35% des Haushaltseinkommens drauf, für Essen und Trinken 14%. Fuchsbriefe Chefredakteur Ralf Vielhaber hält den Verweis auf die Kerninflation aus Sicht des Verbrauchers für Stuss.

Die Inflation ist da. Und sie wird bleiben. Denn einige Haupttreiber – vor allem Klimaschutzkosten (Energie) und Personalkosten (Knappheit an qualifiziertem Personal) – sind auf viele Jahre vorgezeichnet. Auch der kalte amerikanisch-chinesische Krieg um die Welt(vor)machtstellung wird sich noch wirtschaftlich auswirken. Nur wie heftig, ist noch im Nebel. Klar aber ist: Er wird den Handel einschränken. Und das treibt Preise.

Deshalb ist es Unfug, die Kerninflationsrate als Beruhigungspille vorzuschieben, wie ich es am Wochenende wieder vom Ex-Wirtschaftsweisen Peter Bofinger gehört habe. Das ist wie die Geschichte von der Kaisers neuen Kleidern. Man steht nackt da, aber die Volkswirte und Zentralbanker erzählen uns, wir wären doch immer noch gut gekleidet. Wenn das Konto leer ist, ist es leer. Ob das Geld für Energie oder Brot oder Obst und Gemüse draufgeht – für den Verbraucher macht das keinen Unterschied. Von nichts kann man nichts kaufen.

Mit der CO2-Bepreisung fängt der Spaß erst an

Die Kerninflationsrate rechnet vor allem die Energiekosten heraus. Schwanken stark und kommen von außen; kann eine Notenbank nicht recht beeinflussen – so lauten die Argumente für dieses Konzept. Das ist jetzt schon falsch und wird „immer falscher“. Den Löwenanteil der Energiekosten – 62% bei Benzin – steckt sich der Staat über Steuern in die Tasche. Und mit der CO2-Bepreisung hat der Spaß gerade erst angefangen.

Deutschland soll zahlen – über Inflation

Hinzu kommt: International wird bereits eingepreist, dass Deutschland einen Gutteil der europäischen Rettungskosten über erhöhte Inflationsraten übernimmt. Deutschland müsse lernen, mit „ein wenig mehr“ Inflation zu leben, schreibt beispielsweise der wirtschaftsliberale Economist. „Das ist der Preis dafür, eines der stärksten Mitglieder einer Währungsunion zu sein.“

Denn: „Die EZB bestimmt die Geldpolitik für die Währungsunion als Ganzes, nicht ihr größtes Mitglied allein.“ Und die Geldpolitik könne eben auf absehbare Zeit nicht an unseren Bedürfnissen ausgerichtet werden, solange Italien, Spanien, Griechenland und auch ein bisschen Frankreich im wirtschaftlichen und finanziellen Krisenmodus verbleiben. „Die Interessen der schwächeren Mitglieder der Währungsunion, die immer noch gesunden müssen, sollten an erster Stelle stehen“ (Economist). Die Erkenntnis, dass die deutsche Wirtschaft heiß laufen muss, sei das fehlende Glied zur Wiederherstellung des Vertrauens in die gesamte Eurozone.

Deutschland ist nicht nur eine Volkswirtschaft, sondern auch ein soziales Wesen

Nun ist Deutschland keine abstrakte Größe, sondern ein soziales Wesen. Diese Geldpolitik wird in den kommenden Jahren jeden einzelnen Wohlstand kosten, die soziale Frage in den Mittelpunkt rücken und heftige Verteilungskämpfe verursachen.

Klar ist: Die Kosten tragen vor allem die Sparer. Das sind häufig auch Rentner, ehemalige Facharbeiter beispielsweise. Deren Anlageportfolio kann schon aus Gründen der Risikosteuerung keine hohen Anteile an risikobehaftetem Vermögen wie Aktien mehr aufweisen. Denn im Alter verkraftet man die oftmals hohen Schwankungen an den Aktienbörsen nicht mehr gut – bei einer Lebensperspektive von 20 Jahren will man sich nicht darauf verlassen, dass sich der Markt nach einem satten Kurssturz noch mal rechtzeitig erholt. Diese Menschen sind auf nominales Vermögen angewiesen: Versicherungen, Sparguthaben – und dessen Wert verfällt bei Nullzins und Inflation rasant!

Energiekosten treffen alte Menschen besonders

Bedacht werden muss auch: Energie und Wohnen fressen 35% vom Haushaltseinkommen, Lebensmittel 14%. Gerade Haushalte, in denen alte Menschen wohnen, können die Kosten für Wohnen und Energie schlecht senken. Ältere Menschen frieren schneller und ziehen ungern um. Und wer 70 ist, überlegt sich die teure energetische Sanierung und das Solardach (am besten noch mit Baum vor dem Haus) zehnmal. Denn sie rechnet sich nicht (mehr).

Die nächste Bundesregierung braucht viel Überzeugungskraft

Ich wünsche der kommenden Bundesregierung viel Überzeugungskraft, das zu vermitteln. Sie wird – egal in welcher Zusammensetzung – zum Mittel der Schuldenausweitung greifen. Denn demografisch ist der Zug abgefahren. Die Kosten für Alter und Pflege werden kräftig steigen und können nur von der Gesamtheit übernommen werden, müssen also aus dem Bundeshaushalt beglichen – oder Leistungen gestrichen werden.

Das ist der blinde Fleck der Nachhaltigkeitsstrategie von Politik, Zentralbanken und neuerdings auch des Verfassungsgerichts: So wichtig man „das Klima“ nehmen mag – zu dessen „Erhalt“ wir weltweit direkt ohnehin nur einen winzigen Teil beitragen können – auch ohne Kaufkraft lebt es sich bescheiden.

Nachhaltigkeit sollten wir ganzheitlich, nicht partiell aufs Klima bezogen denken. Ein Anfang wäre, uns den Stuss mit der Kerninflation nicht weiter vorbeten zu lassen, meint Ihr Ralf Vielhaber

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