Informationen und qualifizierte Einschätzungen zu Chancen und Risiken
030-288 817-20
0,00 €
2488
Alle reden vom Wetter. Wir nicht.

Im Zukunftszug fröhlich in der 2. Klasse

Fuchsbriefe-Chefredakteur Ralf Vielhaber. © Verlag FUCHSBRIEFE
Deutschland setzt sich am Ende der Ära Merkel noch einmal große Ziele: Wir wollen Europa und das Klima retten. Doch die Fähigkeit, so komplexe Aufgaben zu meistern, haben wir schon lange nicht mehr bewiesen, findet FUCHSBRIEFE-Chefredakteur Ralf Vielhaber.

Alle reden vom Wetter. Wir nicht. Das war die Deutsche Bahn. In den 1960er Jahren. Der Werbeslogan war für mich ein Symbol, dass ein komplexes System zuverlässig funktioniert. So wie Deutschland eben. Damals. Aber damals fuhr die Bahn mit stinkigem Diesel. Heute fährt sie mit sauberem Strom!

Es war die Zeit, als die deutschen Großbanken, Dresdner Bank – die älteren unter unseren Lesern werden sich erinnern –, Commerzbank und vor allem Deutsche Bank Symbole des Kapitalismus, der Deutschland AG und Hassobjekte linker Terroristen waren. Es war eine Zeit, als viele sich wünschten, es möge doch ein wenig italienische Leichtigkeit auf die hiesige verkrustete, griesgrämige Gesellschaft abfärben.

Oskars "Sekundärtugenden"

Dieser Hang zum Perfektionismus, ja zum Kleinkarierten, wurde zur Zielschiebe der Linken. Er galt als spießig – und gefährlich. Oskar Lafontaine, damals SPD-Chef im Saarland, formulierte 1982 im Magazin "Stern", mit den Sekundärtugenden "Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit" könne man "auch ein KZ betreiben".

Diese Sorge dürfte den Altlinken Lafontaine wohl nicht mehr umtreiben. Wer heute pünktlich und zuverlässig Bahn fahren will, der muss in die Schweiz ziehen. Großflughäfen werden in Deutschland nach schlappen 30 Jahren Planungs- und Bauzeit fertig, wenn sie nicht mehr gebraucht werden.

Organisationsweltmeister: Das war einmal …

Wie sich Massenimpfungen organisieren lassen, wird sich wohl niemand in Deutschland anschauen wollen. Und auch nicht in Brüssel, wo eine Deutsche gerade die Fäden zieht. Das Bundesland Brandenburg führt höchstens vor, wie man es nicht machen sollte: Das Land beordert „seine“ Impflinge ins Impfzentrum in Potsdam. Für viele ist das eine Tagesreise mit Bus und Bahn. Organisieren sollen das die über 80-jährigen, die primär geimpft werden sollen, selbst. Da schütteln nicht nur die Leiter von Pflegeheimen den Kopf.

Keine Angst vor deutschem Perfektionismus

Aber auch an vielen anderen Stellen muss niemand mehr deutschen Perfektionismus fürchten. Die hiesige Geldwäschebehörde verschläft es, zahlreichen Verdachtsmeldungen im größten Betrugsfall der deutschen Wirtschaftsgeschichte, dem Fall Wirecard, nachzugehen. Die Finanzaufsicht BaFin deckt zunächst die Betrüger, und ihre Mitarbeiter scheinen aus dem Betrugsfall noch persönlichen Profit geschlagen zu haben. Der zuständige Minister hat erst nach langem Zögern den Behördenchef gefeuert und will jetzt Bundeskanzler werden.

Erfolgreich im Kleinen, erfolglos im Großen

Deutschlands Steuerbehörden haben zwei Jahrzehnte lang erfolgreich Jagd auf hiesige Steuerhinterzieher gemacht – mit geklauten Adressdaten.

Grenzüberschreitende Steuergestaltungen sind heute meldepflichtig. Aber bei den internationalen Digitalkonzernen mit ihren gewaltigen Steuerverschiebemöglichkeiten hat der Fiskus resigniert.

Eldorado für Geldwäscher

Dafür gilt Deutschland heute als Eldorado für die Organisierte Kriminalität (OK) und internationale Geldwäsche. Während die großen Geldströme der OK munter fließen dürfen, kommen die Corona-Beihilfen für die hiesigen Klein- und Mittelbetriebe lange Zeit nicht an. Auch der Kinderbonus für die Familien lässt auf sich warten.

Doch nicht nur der deutsche Staat hat heute viel von italienischer Leichtigkeit angenommen. Auch die hiesigen Unternehmen strengen sich an. Die deutschen Großbanken sind entweder von der Bildfläche verschwunden (Dresdner), in Abwicklung (Commerzbank) oder erregen Mitleid (Deutsche Bank). Baute Opel vor einigen Jahrzehnten „Technik, die begeistert“, hat die einstige Vorzeigemarke Audi nicht nur ihren "Vorsprung durch Technik" eingebüßt, sondern auch ihr Renommee: wegen der Fälschung von Abgaswerten. Und wer heute sehen will, wie man Einzelhandel reibungslos organisiert, der muss bei Amazon vorbeischauen.

Reste von "Großmannssucht" sind geblieben

Dennoch: Über ein Merkmal muss man sich immer noch Gedanken machen, die „deutsche Großmannssucht“. Zumindest Reste dieser unschönen "Volkseigenschaft" haben sich gehalten. Haben wir gestern noch unsere Nachbarn zum Sparen angehalten, retten wir jetzt Europa mit unseren Steuergeldern und lösen im Eiltempo die Ausgabenbremsen.

Wenn Europa Zielwerte für die Beimischung von sauberen Alternativkraftstoffen im Verkehrssektor vorgibt, verdoppelt die Bundesregierung diese mal eben. Obwohl der Kanzlerin europaweit gemeinschaftliches Handeln eigentlich heilig ist – wenn es darum geht, die hiesige Wirtschaft für ihre Lieferketten in die Verantwortung zu nehmen, geht die Bundesregierung einfach mal vorweg. Wir fahren zwar im Zukunftszug nur 2. Klasse, aber wollen wenigstens noch die Weichen stellen.

Überholen ohne aufzuholen

Auch für die hiesigen Unternehmen ist Bescheidenheit keine Zier: Zwar fährt beim Image und erst recht beim Aktienkurs Audi der US-Marke Tesla weit hinterher. Doch Konzernchef Markus Dussmann will mit Audi nicht nur aufholen, sondern Tesla überholen.

Ja, es ist richtig, sich ehrgeizige Ziele zu setzen. Aber man sollte den Blick für die Grundlagen nicht verlieren. Ich habe oft den Eindruck, als der Zukunftszug aus dem deutschen Bahnhof rollte, standen viele in Politik und Wirtschaft am falschen Gleis. Und weil die Anzeige nicht gewechselt hat, glauben sie, der Zug käme noch vorbei.

Sehen wir es dennoch positiv: Zwar haben wir unsere Systeme so verkompliziert, dass wir sie offensichtlich nicht mehr beherrschen. Aber wir resignieren nicht, sondern nehmen es mit italienischer Leichtigkeit und großem Selbstbewusstsein. Zumindest diese Challenge haben wir gemeistert, findet Ihr Ralf Vielhaber

Hier: FUCHSBRIEFE abonnieren

Meist gelesene Artikel
  • Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

Test für die neue AfD-Spitze

Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Copyright: Pixabay
Seit Kurzem hat die Alternative für Deutschland (AfD) mit Tino Chrupalla und Alice Weidel ein neues Spitzenduo für die Bundestagswahl. Am kommenden Sonntag wird sich in Sachsen-Anhalt zeigen, ob sich die Partei mit dem Duo einen Gefallen getan hat. Ob "Erfolg" oder Misserfolg" für die rechte Partei, darüber entscheidet eine Prozentlinie.
  • Fuchs plus
  • Starkes Entrée und bereitwillige Auskünfte

Donner & Reuschel: Vorbereitung ist alles

Donner & Reuschel: Vorbereitung ist alles. Copyright: Verlag Fuchsbriefe
Bei Donner & Reuschel erlebt der Stiftungskunde viel Licht – und leider auch Schatten. Während der Anlagevorschlag weitestgehend ein Genuss ist, werden an anderer Stelle wertvolle Punkte durch schlechte Vorbereitung liegen gelassen.
  • Fuchs plus
  • Wiederverwertung von Rohstoffen

Startup löst Recycling-Problem bei Altreifen

Startup löst Recycling-Problem bei Altreifen. Copyright: Pexels
Das Recycling von Altreifen wird immer mehr zum Problem. Denn die Nachfrage nach den Resten geht stetig zurück. Ein Jungunternehmen aus dem Saarland hat die Lösung: Es zerlegt Gummi in seine Bestandteile. Dabei entstehen leicht verwertbare Rohstoffe. Bis Ende kommenden Jahres soll eine erste kommerzielle Anlage aufgebaut werden.
Neueste Artikel
  • Fuchs plus
  • US-Präsident Joe Biden mit vermehrten Anzeichen von Senilität

Harris für Biden nach den Midterms im Gespräch

Der in Europa gefeierte US-Präsident Joe Biden gilt in Washington zunehmend als persönlich handlungsunfähig. Anzeichen zunehemnder Senilität lassen Spekualtionen zu, dass seine Stellvertreterin Kamala Harris nach den Midterms die Amtsgeschäfte übernimmt. Inzwischen bekommen die Republikaner langsam wieder Oberwasser.
  • Fuchs plus
  • Investitionen in Kommunikationsnetze stark gestiegen

Breitband für alle

Der Breitbandausbau in Deutschland gewinnt stetig an Fahrt. Seit 2017 sind die Investitionen in neue Netze stark gestiegen. Ursache sind nicht die Investitionen der Deutschen Telekom, sondern der Konkurrenten. Sie haben - zusammengerechnet - die Investitionen des Branchenführers inzwischen weit überflügelt. Damit ist bis 2030 ein wesentliches Ziel des Breitbandausbaus erreichbar.
  • Fuchs plus
  • Relative Steigerung bei rückläufiger Fallzahl

Angstmache mit der Delta-Variante

Der Umgang mit der als gefährlich eingestuften Delta-Variante des Corona-Virus bewegt sich hart am Rande der Seriosität. Relative Steigerungszahlen verschleiern das wahre - äußerst geringe – Ausmaß.
Zum Seitenanfang