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Doktoarbeit von Familienministerin Dr. Franziska Giffey

Magna cum Rüge

Ralf Vielhaber sieht die Qualität von Doktorarbeiten schmelzen. Copyright: Verlag Fuchsbriefe
Weder Fisch noch Fleisch, nix Halbes und nix Ganzes ist die Rüge der FU für das stellenweise unwissenschaftliche Arbeiten der heutigen Familienministerin Franziska Giffey (SPD). Die Fakultät hat sich nicht entschließen können, den Ruf des Titels über den der Karrierepolitikerin zu stellen, meint FUCHSBRIEFE-Chefredakteur Ralf Vielhaber.

Für die amtierende Familienministerin und mögliche künftige Regierende Bürgermeisterin von Berlin ist das Thema „Doktorarbeit“ bereits abgehakt. Für den Wissenschaftsstandort Deutschland kann es das nicht sein. Denn wie das Gremium der Freien Universität Berlin geurteilt hat, das sich mit den Plagiatsvorwürfen in der Dissertation der Ministerin „Europas Weg zum Bürger: die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft“ auseinandersetzte, wird nicht ohne Folgen bleiben.

Das Gutachten wurde vor Kurzem über die Plattform „Frag‘ den Staat“ öffentlich. Die deutsche Nationalbibliothek vermerkt: „Dieses Dokument ist gesperrt, neue Version unter IDN 1200917162.“ Diese trägt bereits die Rüge auf dem Deckblatt, die wiederum nach einem Gutachten des Wissenschaftsdienst des Berliner Abgeordnetenhauses keine Rechtsgrundlage im Berliner Promotionsrecht hat.

Entwertung des akademischen Titels

Der akademische Doktortitel wird (weiter) entwertet. Gelitten hatte er schon unter den Plagiaten der Minister Schavan und zu Guttenberg, auch deren Arbeiten mit Top-Noten ausgestattet. Doch da blieb die Wunde offen: durch Aberkennung des Titels und das Karriereende zwei Hoffnungsträger der Union. Man kann hier auch den Berliner CDU-Politiker Frank Steffel einreihen. Er verlor den von der FU vergebenen Titel 2017 aus denselben Gründen, die man bei Giffey nun durchgehen ließ.

Mit einer bloßen Rüge wird sich im Falle Giffeys (SPD) die Wunde schnell schließen. Für alle (angehenden) Doktores bleibt sie offen. Denn immer klarer wird: Der Titel steht nicht unbedingt für eigenständiges Denken und für Qualität schon gar nicht. Denn sonst hätte die Doktormutter Giffeys Prof. Tanja Anita Börzel von der FU Berlin und der Zweitgutachter Prof. Hartmut Häußermann von der Humboldt-Uni im Februar 2010 wohl kaum mit sehr gut – magna cum laude – urteilen können.

Professoren ohne Durchblick

Dass die Professoren das Schrifttum ihrer Fachgebiete nur noch unzureichend übersehen, kann man ihnen kaum noch zum Vorwurf machen. Eher schon, dass sie offenbar nicht selbst über Mittel verfügen, Plagiatsstellen zu erkennen. Und wohl auch, dass sie aufgrund der Masse Titel und Note oftmals erteilen, ohne das Werk wirklich gelesen zu haben. Höchstens die Zusammenfassung und das Literaturverzeichnis (bei Giffey 21 Seiten). Dass die Plattform Vroniplag am Ende nur die Spitze des Eisbergs sichtbar macht, wird jedenfalls kaum jemand bestreiten wollen.

27 Mal "objektiv getäuscht"

Das Gutachten der FU liest sich, als wäre das Gremium vor allem bemüht gewesen, die Plagiatsvorwürfe von Vroniplag möglichst zu entkräften. Eine eigenständige Aufarbeitung hat man gar nicht erst versucht, vielleicht auch nicht gekonnt. Festgehalten wird dennoch: fünf eindeutige Plagiate, 22 deutliche Übernahmen oder Paraphrasen ohne direkte Quellennennung. 27 Textstellen also, die laut Gutachten „den Tatbestand der objektiven Täuschung erfüllen“.

Die Rüge ist auch deshalb unverständlich, da Giffey – wie jeder Doktorand – am 30. Oktober 2009 in ihrer Arbeit vermerkte: „Hiermit erkläre ich gemäß § 7 (4) der Promotionsordnung zum Dr. rer. pol. in Politikwissenschaft des Fachbereichs Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin vom 14. März 2008, dass ich alle verwendeten Hilfsmittel und Hilfen angegeben und auf dieser Grundlage die vorliegende Arbeit selbständig verfasst habe. Berlin, den 30. Oktober 2009, Franziska Giffey“. Somit hätte das Gremium wohl auch nach den damaligen Wissenschaftsstandards für Doktorarbeiten urteilen sollen und nicht nach „den neuen Leitlinien für gute wissenschaftliche Praxis, die die Deutsche Forschungsgemeinschaft in diesem Jahr verabschiedet hat.“

Titel vom Fließband

So weit, so schlecht. Die Abschaffung des alten Diploms hat der Anerkennung des Ingenieurwesens in Deutschland nicht gutgetan. Es galt zumindest als schwer zu erringen und somit als Qualitätssiegel. Den Meistertitel hat die Bundesregierung in zwölf Gewerken 2020 wieder eingeführt. Er bürgt offenbar für Qualität. Und ist nicht ohne Aufwand zu haben.

Inzwischen gibt es nicht nur Akademiker sondern auch akademische Titel vom Fließband. Im medizinischen Bereich entstehen Doktorarbeiten schon lange „von der Stange“. Das alles ist vorgeblich Pragmatismus, aber kein Ruhmesblatt für die Wissenschaft. Und es tut denen, die sich ehrlich bemühen, Unrecht.

Immer noch Karriere fördernd

Ein Doktortitel war lange Zeit die Eintrittskarte für eine Karriere in der Wirtschaft wie in der Verwaltung. Und auch heute sonnt man sich noch gerne in diesem Glanz – auch wenn der matter wird. Zu Guttenberg hat nicht umsonst einen zweiten Titelanlauf genommen.

International agierende Konzerne haben es sich unter amerikanischem Einfluss zur Gewohnheit gemacht, Titel wegzulassen. Heute sind Hallo, Liebe(r) und Du (bei Startups) gängige Anreden. Das alles hat zu einem lockereren Umgangston geführt. In der Schweiz ist das schon lange so. Dennoch kennt jeder Mitarbeiter die Stufe der Hierarchieleiter auf der sein Gesprächspartner sitzt.

Goldstandard für den Doktortitel

Titel müssen nicht geführt werden, aber sie sollten errungen werden. Und dies nicht mit Copy/Paste. Denn dies wird sich in den Kenntnissen und der Arbeitsweise derer niederschlagen, der sich mit „ihrem“ Thema intensiv befasst haben. Dadurch erhalten Doktortitel ihren inneren Wert.

Ein bisschen Schummeln geht noch, das ist die fatale Botschaft der FU. Es muss aber dafür gesorgt sein, dass bei Doktorarbeiten der Goldstandard herrscht und nicht wie an der FU Berlin Falschmünzerei durchgeht. Die Münze Giffeys bleibt jedenfalls (zunächst) im Umlauf. Ein Goldstandard für akademische Titel hätte auch die positive Folge, dass sich Professoren mit weniger Allerweltslektüre rumplagen müssten, wie es bei der Massenproduktion von Doktorarbeiten zwangsläufig der Fall ist.

Der Doktortitel ist also noch zu retten.

Plattformen wie Vroniplag in Zusammenarbeit mit immer besser werdenden linguistischen Erkennungssystemen können seinen Ruf schützen. Unis selbst sollten die Mittel haben, ein neues Werk eigenständigen Denkens und Arbeitens durch einen KI-Filter laufen zu lassen.

Die gute Nachricht ist: Wer mit dem Doktortitel eine Karriere anstrebt, muss selten den Doktorvater fürchten, aber künftig die nächsthöhere Sprosse auf der Karriereleiter. Denn je höher er oder sie auf dieser Leiter steigt, desto wahrscheinlicher wird die Bloßstellung von Tricksen und Täuschen beim Titelerwerb. Und auch die Gutachter müssen was tun: Ihr Ruf steht mit auf dem Spiel.

Eine Fakultät sollte jedenfalls den Mut haben, zuvorderst den Ruf eines Titels zu bewahren und nicht den einer angehenden Karrierepolitikerin zu schützen. Die FU hatte das in diesem Fall nicht. Vielleicht bringen Richter sie noch zur Räson, hofft Ihr Ralf Vielhaber.

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