Weltoffen – aber wehrlos
Je weltoffener, liberaler und multikultureller ein Land ist, desto geringer scheint die Bereitschaft seiner Bürger, genau diese Werte im Ernstfall zu verteidigen. Was nach einem Paradox klingt, zeigt sich in Umfragen klar.
Je weniger „Volk“, je mehr „Bevölkerung“, desto schwächer ist die Bindung an „unsere Demokratie“. Für „Europa“ als Ganzes will ohnehin fast niemand ins Feld ziehen. Der oft beschworene „Verfassungspatriotismus“ à la Dolf Sternberger und Jürgen Habermas erweist sich in der Praxis als akademische Kopfgeburt – eine hohle Phrase ohne emotionale Kraft.
Milieus und Politik
Diese Erkenntnis trifft nicht nur für das Land insgesamt, sondern mehr noch für einzelne Milieus zu. Insbesondere die Grüne Jugend scheut die Waffe wie der Teufel das Weihwasser. Das steht im scharfen Kontrast zu der 2022 plötzlich aufgeflammten Kampfbereitschaft ihrer Polit-Prominenz in Berlin – die freilich nur zum verbalen Gefecht bereit ist.
Der Befund ist eindeutig – und er dürfte Verteidigungsminister Boris Pistorius wie der gesamten Bundesregierung einiges Kopfzerbrechen bereiten. Angesichts der gefühlten oder tatsächlichen Bedrohung durch Russland gewinnt er enorme Relevanz. Die „Truppe“ ist seit Jahren hartnäckig unterpersonalisiert – trotz verstärkter Marketingbemühungen der Bundeswehr.
Wehrbereitschaft in Europa
Auf LinkedIn kursiert derzeit eine Karte, die die Wehrbereitschaft in Europa zeigt. Die Daten sind zwar von 2014 (Gallup International), aber an der Rangfolge hat sich bis 2023 (Umfrage aus 2024) wenig geändert: Auf die Frage „Wärst du bereit, dein Land mit der Waffe in der Hand zu verteidigen?“ steht Deutschland mit 23 % „Ja“-Antworten am unteren Ende. Zum Vergleich: Ukraine 62 %, Schweden 47 %, Schweiz 41 %, Kaukasusländer bis zu 96 %. Der Durchschnitt der EU-Länder beträgt 32 % „Ja“-Antworten. Zugleich ist Deutschland (mit Österreich, Spanien, Italien) eines der „Top-5-No“-Länder, der Staaten also, wo die wehrfähige Bevölkerung auf gar keinen Fall in die Schlacht fürs eigene Land ziehen will.
Skandinavien als Gegenbild
Der Kontrast zu Skandinavien fällt ins Auge. Auch dort sind die Gesellschaften weltoffen und liberal. Aber sie sind zugleich patriotisch, und sie haben – mit Ausnahme Finnlands, das aufgrund seiner geschichtlichen Erfahrungen mit dem aggressiven russischen Nachbarn ohnehin „anders drauf“ ist – ihre eigene Währung. Das stärkt die Identität und offenbar auch die Bereitschaft, dafür mit dem Leben einzustehen. In Schweden, Norwegen oder Dänemark ist es selbstverständlich, vor jedem Haus eine Flagge zu hissen, auf Campingplätzen die Fahne am Wohnwagen anzustecken. Regenbogenfahnen habe ich in Dänemark und Schweden an öffentlichen Gebäuden nirgends gesehen (und auch an keinem Camper). Auffällig ist: Dort ist die Kampfbereitschaft deutlich höher.
Deutschland dagegen hat nach Nazi-Diktatur und SED-Zeit Flagge, Hymne und andere nationale Identitätssymbole aus dem Alltag verbannt. Die Fahne wurde vor allem bei Fußball-Länderspielen geschwenkt. Ein letztes starkes Symbol nationaler Verbundenheit war die D-Mark: Sie stand für Wirtschaftskraft, Stabilität und Selbstbewusstsein. Mit der Einführung des Euro 2002 ging auch dieser Anker verloren. Parallel dazu sanken die Werte: von 46 % Kampfbereitschaft (1990, WVS/EVS) auf nur noch 34 % (2006). Nach 2011 kam die Aussetzung der Wehrpflicht hinzu. Folge: Nur noch 18 % „Kampfbereitschaft“ im Jahr 2014. Erst seit dem Ukrainekrieg ist ein zaghafter Umschwung zu erkennen – doch mit 23 % bleibt Deutschland weit hinter vergleichbaren Ländern zurück.
Verändertes „Mindset“ seit 1990
Man kann einwenden, das sei – isoliert betrachtet – zu kurz gesprungen. Jedes Land ist anders geprägt. Die Erklärung ist monokausal sicher nicht hinreichend, aber aus meiner Sicht ein starkes Argument für die vorliegenden Daten.
Richtig ist: Seit 1990 ist der Kalte Krieg vorbei. Das hat das „Mindset“ verändert. Aber das gilt mehr oder minder für alle europäischen Staaten und erklärt nicht hinreichend die besondere Entwicklung in Deutschland. Schweden und Finnland sind wiederum erst jüngst dem Verteidigungsbündnis NATO beigetreten – Dänemark ist Gründungsmitglied.
Verlust identitätsstiftender Symbole
Meine These: Die Politik unterschätzt massiv den Wert sichtbare Ausdrucksformen nationaler Gemeinschaft und kultureller Gemeinsamkeiten. Stattdessen dominiert die Furcht vor allem, was nach Patriotismus riecht. Politischen Beobachtern blieb dazu beispielhaft folgende Szene im Gedächtnis: Angela Merkel nahm nach dem Unions-Wahlsieg 2013 ihrem damaligen Generalsekretär Hermann Gröhe ein Deutschland-Fähnchen aus der Hand und entfernte es von der Bühne. Helmut Kohl hat die postulierte „geistig-moralische Wende“ nie geschafft. Angela Merkel hat dagegen die Absage an eine Gemeinschaft, die über die Verfassung hinausweist, zur Vollendung geführt – eine Art geistig-moralische Entkernung der Republik.
Nihilismus statt Bindung
An die Stelle eines positiv aufgeladenen Patriotismus hat die politische Linke ein negatives Narrativ als verbindendes Element setzen wollen: den Anti-Faschismus. Die bürgerliche Mitte ist dieser negativ aufgeladenen Erzählung willig gefolgt – und die Gesellschaft im Nihilismus gelandet. Das führte in eine Sackgasse.
Man wird in der Politik deshalb den Zwang wiederentdecken – etwa über eine neue Wehrpflicht. Aber Zwang schafft keine Bindung. Die Wende muss „im Kopf“ erfolgen.