Kanzler-Dämmerung
Die Uhr tickt. Sollten nach Sachsen-Anhalt auch die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin für die Union krachend verloren gehen, dann ist Friedrich Merz wohl nur noch ein Kanzler auf Abruf. Egal, ob sich kurz vor den Entscheidungen die CDU-Ministerpräsiden per Brandbrief hinter den Regierungschef stellen. Treueschwüre sind in der Politik da, um gebrochen zu werden.
Siegt die AfD weiter, wird die Basis revoltieren und nach einem neuen Mann an der Spitze von Partei und Bundesregierung rufen. Zu groß ist inzwischen der Vertrauensverlust in die Glaubwürdigkeit des Sauerländers. Auch weil ihm das bewusst ist, hat Merz seine UN-Reise nach New York abgesagt und das CDU-Präsidium am Wahlabend in die Parteizentrale geladen. So hat er eine bessere Kontrolle darüber, wer, was sagt, wenn die Ergebnisse ähnlich wie in Magdeburg ausfallen.
Wahlergebnisse sind entscheidend
Vieles hängt für Merz davon ab, ob die Christdemokraten vielleicht doch noch mal mit einem oder auch zwei blauen Augen davonkommen. In Berlin muss die CDU zumindest als stärkste Kraft im Abgeordnetenhaus den Anspruch auf die Regierungsbildung verteidigen. In Mecklenburg-Vorpommern darf sie nicht zweistellig verlieren und mit großem Abstand hinter der AfD ins Schweriner Schloss einziehen.
Aber das ist alles wahrscheinlich. Bleibt daher die Frage, wer kann Merz in seiner Kanzlerdämmerung ablösen, sollte es am Sonntag wieder richtig krachen?
Positive Dobrindt-Bilanz
Nach dem Gelöbnis der Unions-Ministerpräsidenten läuft alles auf Bundesinnenminister Alexander Dobrindt zu. Der studierte Soziologe hat reichlich Regierungserfahrung. Er ist Architekt der schwarz-roten Koalition und wird von den Genossen wegen seiner pragmatischen Politik geschätzt. Dobrindt war bereits im Kabinett Merkel Bundesverkehrsminister, Chef der CSU-Landesgruppe und zuvor Generalsekretär der Christsozialen.
Der Oberbayer bringt damit die gesamte Palette an Erfahrung ein, die ein Kanzler braucht, um handwerklich sauber zu regieren. Vor allem aber ist der Mann aus Peißenberg der stille Star der Regierung Merz. Unaufgeregt und konsequent hat er Ruhe in die aufgewühlte Migrationsdebatte gebracht und bindet konservative Wählerschichten. Das schätzt vor allem der konservative Flügel der CDU-Abgeordneten unter Christian von Stetten an Dobrindt.
Viele Kandidaten
Und das spricht auch gegen die anderen Kandidaten, die auf Merz folgen könnten. CSU-Chef und Ministerpräsident Markus Söder gilt als zu unstet; viel zu oft ändert er im Eigeninteresse seine Meinung. NRW-Regierungschef Hendrik Wüst, der in Düsseldorf mit den Grünen koaliert und im Frühjahr sein Amt verteidigen muss, als zu links. Genau wie sein Kollege Daniel Günther aus Schleswig-Holstein. Der Hesse Boris Rhein, für viele nach wie vor ein Geheimfavorit, wirkt blass, der Pfälzer Gordon Schnieder als zu unerfahren. Und die Ost-MPs Michael Kretschmer und Mario Voigt als bundesweit nicht mehrheitsfähig. Bleibt nur noch CDU/CSU Bundestagsfraktionschef Thorsten Frei, der ehemalige Kanzleramtsminister von Merz. Aber der fühlt sich noch Friedrich Merz verpflichtet.