Millionen Fachkräfte vor dem Aus
Das Fachkräfteproblem wird trotz der konjunkturell schlechten Lage und der steigenden Arbeitslosenzahlen in Deutschland noch größer. „Es ist es in vielen Bereichen eng, trotz des jahrelangen Wirtschaftsabschwungs." Das sagt der deutsche Arbeitsmarktpapst, Enzo Weber, den FUCHSBRIEFEN.
Politik sucht Ausweg aus der demografischen Sackgasse
Die demographische Schrumpfung kommt jetzt aber erst in Gang. "Aus Alterungsgründen verlieren wir über 15 Jahre sieben Millionen Arbeitskräfte, da müssen wir alle Register ziehen“, meint Weber. Bis Mitte der 30er Jahre stehen fast ein Drittel der heutigen Erwerbskräfte der sogenannten Babyboomer-Jahrgänge (1954-1969) dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung. Der geburtenstärkste Jahrgang 1964 erreicht 2031 die Regelaltersgrenze von 67 Jahren.
Die Politik sucht einen Ausweg aus der demografischen Sackgasse. Der sich verschärfende Fachkräftemangel spielt darum in der anstehenden Rentenreform, deren Eckpunkte noch vor der Sommerpause beraten werden sollen, eine zentrale Rolle. Die Rente mit 63 steht dabei auf dem Prüfstand, genau wie die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters bis zum 70. Lebensjahr.
Umfrage: Unternehmen sind besorgt
Die angespannte Lage spiegelt sich in der aktuellen Umfrage zur Fachkräfte-Lage der Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) unter den Mitgliedsbetrieben wider. 83% der Unternehmen rechnen in den kommenden Jahren angesichts der Arbeits- und Fachkräfteengpässen mit negativen Folgen. Im Vergleich zur letzten Umfrage zu diesem Thema vor zwei Jahren ist der Anteil um einen Prozentpunkt gestiegen.
Allerdings gibt es im Vergleich der Branchen in der Einschätzung erhebliche Unterschiede. Im Baugewerbe, in dem 91% der Betriebe negative Folgen erwarten (2023: 86%), sind die Befürchtungen am größten. Es folgen die Industrie (88%; 2023: 89%), Handel (81%; 2023: 77%) und dann die Dienstleister (80%; 2023: 80%).
Weber fordert gezielte Einwanderungspolitik
Arbeitsmarktexperte Weber, der den Forschungsbereich „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ am IAB leitet, fordert, zur Bekämpfung des Fachkräftemangels im Inland Potenziale zu heben. Dazu zählen die berufliche Entwicklung von Frauen zu stärken, Ältere länger im Job zu halten und die Arbeitslosigkeit durch eine effizientere Besetzung der offenen Stellen abzubauen. Ohne Zuwanderung könne das Problem aber nicht gelöst werden.
Weber: „Wichtig ist eine gezielte Politik für Erwerbszuwanderung, aber nicht nach Kassenlage." Es geht darum, nicht einfach aktuelle Lücken am Arbeitsmarkt zu stopfen, sondern auf Potenziale und Entwicklungsfähigkeit von Menschen setzen.
Hoffen auf den Aufschwung
Damit eine gezielte Einwanderung in den Arbeitsmarkt zum Erfolg führe, müssten die Verfahren schneller und digitaler sein. Das reicht von der Visa-Erteilung bis zur Anerkennung von Abschlüssen. Zudem sollte die Integration, also ein aktiver Service für Anerkennung von Kompetenzen sowie Spracherwerb und Qualifizierung, parallel zum Beruf gestärkt werden.
Auch benötige Deutschland als attraktives Zuwanderungsland einen Aufschwung mit mehr neuen Jobs, der das Land wieder zu einer Boom-Adresse werden lasse. „Es geht aber auch um ein Gesamtpaket. Faktoren wie soziale Absicherung, Karriereperspektiven und Lebensqualität spielen eine Rolle“, sagt Weber.
Fazit: Gut ausgebildete Fachkräfte sind ein Standortvorteil. Mit der Verrentung der Babyboomer werden die aber immer knapper. Die Politik muss die richtigen Rahmenbedingungen für den Standort D setzen.
Hinweis: Das ausführliche Interview mit Enzo Weber lesen Sie hier: https://tinyurl.com/frmtmnvk