Union will Vorrang für Bio-Sprit
Auch Deutschland setzt jetzt verstärkt auf Bio-Sprit, nachdem die EU nun E20 einführen will. Der Irankrieg ist der entscheidende Katalysator für den Sinneswandel in den Regierungsparteien. Die Erkenntnis: Bioethanol ist ein wichtiger Hebel, um sich unabhängiger von Rohölimporten und den Verkehrssektor nachhaltiger zu machen.
Debatte über Bio-Sprit eröffnet
Der EU-Vorschlag stößt im Bundestagtag auf Zustimmung. Sepp Müller, CDU/CSU-Fraktionsvize und Energieexperte der Union sagte gegenüber den FUCHSBRIEFEN: "Ein Vorrang für heimische Bioöle muss das Ziel sein. Denn heimische grüne Moleküle wie Bioöle sind eine sinnvolle Alternative zu fossilen Importen. Die Wertschöpfung bleibt bei uns und stärkt so unsere Wirtschaft.“
Damit E20 zeitnah für eine Entlastung an den Zapfsäulen sorgt, kommt es nun darauf an, den Biosprit schnellstmöglich auf die Straße zu bringen. Die Tankinfrastruktur dafür ist vorhanden. Anbieter für die Bioethanol-Produktion, die über das High-Tech-Knowhow verfügen, gibt es in Deutschland auch genügend. Zu den Marktführern zählen Unternehmen wie CropEnergies (Südzucker-Gruppe), Verbio, Nordzucker sowie die Cosun Beet Company. Insgesamt produzieren bundesweit schon 10 bis 15 Hersteller mit einer Gesamtkapazität von über 700.000 Tonnen pro Jahr Ethanol im industriellen Maßstab. Der Wettbewerb ist also wesentlich größer als im deutschen Mineralölsektor, der von den "Big Five" Aral (BP), Shell, Jet (Phillips 66), TotalEnergies und Esso (ExxonMobil) dominiert wird.
Produzenten brauchen Planungssicherheit
Die europaweite Einführung von E20 erfordert aber höhere Ethanol-Kapazitäten. Die Hersteller müssten zur Deckung des Bedarfes neue Anlagen bauen. Dafür fordern sie Planungssicherheit ein. „Leider hat sich Brüssel in den vergangenen Jahrzehnten als nicht sehr zuverlässig erwiesen. Noch vor wenigen Monaten war es EU-Politik Biokraftstoffe zu reduzieren." Das sagt Verbio-CEO Claus Sauter gegenüber FUCHS. Aufgrund dieser Unsicherheit hält sich die Industrie mit Investitionen bei neuen Anlagen noch zurück.
Ausreichend Biomasse steht in Deutschland dagegen zur Verfügung. „Der Markt regelt die Menge, die heimische Landwirtschaft samt bestehender Bioethanolindustrie hat wiederholt bewiesen, dass sie flexibel und verlässlich liefert“, sagt Johann Meierhöfer, Energieexperte des Deutschen Bauernverbandes (DBV) den FUCHSBRIEFEN.
Chancen für die Landwirtschaft
Für die landwirtschaftlichen Betriebe bedeutet der E20-Plan einen zusätzlichen und planbaren Absatzkanal. Das trifft vor allem für Getreide und Zuckerrüben – insbesondere für Roggen und Futterweizen aus Grenzstandorten - zu. Das stabilisiere Erzeugerpreise, eröffne zudem wirtschaftliche Perspektiven in strukturschwachen Regionen und sichere Arbeitsplätze entlang der gesamten Wertschöpfungskette vom Feld bis zur Raffinerie. „Heimisches Bioethanol ist zugleich Klimaschutz, Einkommenssicherung und Beitrag zur europäischen Versorgungssouveränität“, sagt Meierhöfer.
EU hinkt im internationalen Vergleich hinterher
Dabei hinken Deutschland und die EU - mit Ausnahme Italiens - im internationalen Vergleich hinterher und haben den Trend zum Biosprit schon verschlafen. Brasilien, Indien, Paraguay, Argentinien, Thailand und die USA setzen seit Jahren auf deutlich höhere Ethanolbeimischungen, zumal der Sprit dadurch wesentlich günstiger wird. In Brasilien ist E27 Standardkraftstoff, die USA haben E15 flächendeckend und E85 für Flex-Fuel-Fahrzeuge etabliert. Und bereits 2023 wurde im Rahmen des G20 Gipfel in Neu-Delhi eine globale Allianz für Biokraftstoff gegründet. Zu den Initiativmitgliedern gehören neben den Staaten, die schon E20 eingeführt haben, auch Bangladesch, Mauritius, Südafrika sowie die Vereinigten Arabischen Emirate.