Chips Act 2.0: Politische Bremsklötze in der EU
Die EU-Kommission will mit dem Chips Act 2.0 im Wettlauf um die Halbleiterindustrie und bei Tech-Anwendungen aufholen. Sie löst damit aber nicht ihre zentralen Probleme. Denn die Entscheidungen auf politischer Ebene dauern in der EU viel zu lange und die EU verzettelt sich immer wieder in nationalen Interessen.
„Insgesamt bleibt die EU in den meisten Kernbereichen der KI-Wettbewerbsfähigkeit strukturell hinter den USA zurück, während sie gegenüber China eine gemischte Position einnimmt.“ So beschreibt Jan Büchel, KI-Experte des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) im Gespräch mit FUCHSBRIEFEN die aktuelle Position.
Bremsklotz Föderalismus
Ein Problem: Europa fokussiert nicht. Statt sich in Europa, aber auch im föderalen Deutschland, auf den Aufbau schlagkräftiger Cluster wie im Silicon Valley (Kalifornien) oder in der Metropolregion Shenzhen/Hongkong/Guangzhou (China) zu konzentrieren, pochen in der EU einzelne Mitgliedsstaaten und in Deutschland die Bundesländer darauf, dass sie bei der Mittelvergabe mit eigenen Standorten gebührend berücksichtigt werden.
Bestes Beispiel ist die Tech-Offensive von Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU). Bei der bundesweiten Förderung der Halbleiterindustrie wird sich nicht auf die Entwicklung eines international konkurrenzfähiges Cluster konzentriert. Der vom Bund bereitgestellte dreistellige Millionenbetrag wird nun auf fünf Standorte in fünf Bundesländen zu je 44 Mio. Euro aufgeteilt. Im Vergleich zu den Förderungen in den USA und China sind das "Kleckerbeträge".
Mittel werden gesplittet
In der EU läuft es ähnlich. Brüssel wollte bis zum 10. Juni fünf bis sechs Gigafactorys (Cloud and AI Development Act), europaweit ausschreiben, die die Abhängigkeit von US-amerikanischen Cloud-Anbietern verringern und der Wirtschaft sowie den Forschungseinrichtungen die benötigten Rechenleistung zur Verfügung stellt. Jetzt zeichnet sich allerdings ab, dass es auf Druck einzelner Mitgliedstaaten nur abgestufte Modelle in verschiedenen Ländern geben wird.
Mit dem Chips Act 2.0 hat die EU zwar die richtigen Pflöcke eingeschlagen. Immerhin soll die Förderung künftig die gesamte Wertschöpfungskette abdecken, von der Rohstoffsicherung bis zur Chipproduktion. Die Nachfrage soll gestärkt werden, indem der öffentliche Sektor verpflichtend vorrangig Prozessoren und Halbleiter bei europäischen Herstellern und Startups bestellen muss. Auch Baugenehmigungen für die Fabriken sollen beschleunigt und auf maximal 12 Monate begrenz werden.
Vorteil Bildungssystem
Damit wird aber nur die Basis gelegt. Dabei können EU und Deutschland im Wettrennen mit China und den USA laut KI-Forscher Büchel sogar noch einen Trumpf ausspielen. Zwar ist die KI-Affinität in der Bevölkerung der Volksrepublik wesentlich höher und die Zeit der Baugenehmigungen grundlegend kürzer als in Europa. Die USA haben dagegen beim Chipdesign (Nvidia, AMD, Intel) und der Infrastruktur (AWS, Microsoft, GCP) deutlich die Nase vorn.
Europa kann dagegen vor allem mit Human-Kapital punkten. „Die strukturellen Stärken der EU liegen in einem starken Bildungssystem, das viele KI-Talente hervorbringen kann, einem großen Datenmarkt und vielen Unternehmen, die KI bereits anwenden.“, sagt Büchel. Anders formuliert: Die EU muss bei der Entwicklung führender KI-Modelle, bei KI-Forschung, bei privaten Investitionen und beim Zugang zur modernster Recheninfrastruktur unbedingt aufholen, ist aber wegen des großen Marktes, der zahlreichen Anwender in der Wirtschaft und der guten Schul- und Forschungslandschaft noch nicht hoffnungslos abgeschlagen.