Gas-Export: Strategiewechsel in Moskau
Die Gasimporte aus Russland in die EU steigen entgegen Brüssels Plänen wieder an. Besonders osteuropäische Länder profitieren über die Turkstream-Pipeline. Unterdessen prüft ein US-Investmentfonds den Einstieg in den Ausbau des Pipeline-Netzes in Bulgarien. Moskau vollzieht allerdings einen Strategie-Wechsel und stoppt den Ausbau des Gas-Hubs in der Türkei.
Die Gasimporte aus Russland in die EU ziehen wieder an – und das, obwohl Brüssel das Gegenteil plant. In den ersten Monaten 2025 stiegen die Einfuhren deutlich. Im ersten Quartal wurden rund 4,5 Milliarden Kubikmeter russisches Gas in die EU geliefert (+16% ggü. Vj.). Zwischen Januar und Mai summiert sich das Importvolumen auf 7,2 Milliarden Kubikmeter (+9,4% im Jahresvergleich).
Die Hauptabnehmer der Importe, die über die Turkstream-Pipeline kommen, sind vor allem osteuropäische Staaten. Ungarn, das sich seit Jahren gegen EU-weite Energiesanktionen stellt, nimmt mit rund 8 Milliarden Kubikmetern p.a. den Großteil des russischen Gases ab. Auch die Slowakei, die über Ungarn ans russische Netz angebunden ist, zählt zu den Hauptabnehmern. Hintergrund: Die TurkStream-Pipeline, die durch das Schwarze Meer verläuft ist nach dem Auslaufen des Transitvertrags mit der Ukraine Anfang 2025 die wichtigste verbliebene Verbindung für russisches Pipelinegas nach Europa.
Gazprom stoppt geplantes Türkei-Hub
Kurzfristig fließt zwar mehr Gas nach Europa, Russland hat aber gerade einen Strategiewechsel vollzogen. Der russische Energiekonzern Gazprom hat den geplanten Ausbau eines Gas-Drehkreuzes in der Türkei gestoppt. Das berichten russische Medien. Die Begründung: mangelnde wirtschaftliche Perspektive.
Zwei Faktoren spielen für den Strategiewechsel eine Rolle. Erstens verfolgt die EU das Ziel, bis Ende 2027 keine russische Energie mehr zu importieren. Die EU-Kommission stellte dazu im Mai 2025 einen detaillierten Ausstiegsfahrplan vor, der auf den Ausbau von LNG-Terminals, verstärkte Importe aus Norwegen und Aserbaidschan sowie neue Infrastrukturprojekte für Zentral- und Südosteuropa setzt. Zweitens verweigerte die Türkei offenbar eine gemeinsame Kontrolle über die Gasflüsse. Das macht das geplante Projekt für Moskau aber strategisch unattraktiv. Damit ist auch der politische Hebel, über die Türkei Einfluss auf den EU-Energiemarkt zu nehmen, stark geschwächt.
US-Investmentfonds prüft Einstieg in Bulgarien
Derweil reißen die Spekulationen über einen Einstieg von US-Investoren in die Gas-Geschäfte nicht ab. Angeblich prüft der US-Hedgefonds Elliott Investment Management eine Beteiligung an einer bulgarischen Anschlussleitung von Turkstream. Eine solche Beteiligung könnte russischen Einflussstrukturen indirekt Vorschub leisten – je nach Ausgestaltung der Lieferverträge. Brisant: Der Schritt kollidiert mit dem geopolitischen Ziel der EU, sich vollständig aus russischer Energieabhängigkeit zu lösen. Zudem gibt es weiter Spekulationen darüber, dass ein US-Investor die unbeschädigte Pipeline Nord Stream übernimmt und reaktiviert.
Fazit: Die EU-Strategie wirkt, Russland trifft eine wirtschaftlich rationale Entscheidung. Die Türkei wird sich darum nicht als größeres Energie-Drehkreuz profilieren können. Das verhindert auch, dass Ankara seinen wirtschaftlichen Einfluss auf Europa ausbauen kann. Europa wird sich derweil in relativ kurzer Zeit um genügend alternative Lieferquellen kümmern müssen. Wir halten die Preisrisiken bei Gas weiter für sehr hoch.