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Interview: KfW-Chef Stefan Wintels

"Die Investitionskrise ist eine Vertrauenskrise"

Stefan Wintels, Vorstandsvorsitzender der KfW
KfW-Vorstandchef Stefan Wintels sieht einen wachsenden Investitionsstau im deutschen Mittelstand. Allein bei Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz fehlen jährlich mindestens 50 Mrd. Euro. FUCHSBRIEFE haben mit Wintels über Finanzierung, Mittelstand, den Standort D und die Herausforderungen der Zukunft gesprochen.

Die KfW ist mit einer Bilanzsumme von über 540 Mrd. Euro eine der größten Förderbanken der Welt. Zentrales Geschäftsfeld ist die Mittelstandsförderung sowie die Bereitstellung von Beteiligungskapital für Unternehmen und Existenzgründer. FUCHSBRIEFE sprachen mit KfW-Vorstandschef Stefan Wintels über die wirtschaftliche Krise Deutschlands, notwendige Reformen und wie die Bank Unternehmen bei ihren Geschäften unterstützt.

Herr Wintels, Deutschland steckt in der Wirtschaftskrise und damit auch der deutsche Mittelstand. Was kann die KfW als Bank tun, um den Standort attraktiver zu machen?

Wir haben Anfang 2025 unsere Strategie konsequenter an der Stärkung des Standortes Deutschland ausgerichtet. Kumuliert wächst unser Land seit 2019 nicht mehr. Gleichzeitig geht unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit zurück. Wenn wir den Wohlstand in diesem Land auch für die nächsten Generationen sichern wollen, müssen wir unsere Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit strukturell und nachhaltig verbessern. Wir als Förderbank wollen und können einen Beitrag dazu leisten, aber natürlich ist dieser sehr begrenzt. Deutschland wird zu früherer Stärke nur zurückfinden, wenn sowohl staatliche als auch private und gesellschaftliche Akteure in diesem Land ihren Beitrag dazu leisten.

Viele Mittelständler klagen inzwischen, dass sie immer schwieriger an Kredite kommen, die Konditionen schlechter werden und die Zinsen steigen. Steuern wir auf eine Kreditklemme zu?

Erst einmal die gute Nachricht: Wir haben im Geschäftsjahr 2025 die Förderung für Mittelstand und Gründer um rund 75% auf 23,5 Milliarden Euro gesteigert, und wir sind auch sehr gut ins neue Jahr gestartet mit Neuzusagen von 7 Mrd. Euro im ersten Quartal für den Mittelstand – das sind über 40% mehr als in Q1/2025. Wir beobachten, dass aufgrund des sehr schwierigen konjunkturellen Umfelds und der nochmals erhöhten Unsicherheit - als Ergebnis des anhaltenden Krieges im Iran - die Inflationserwartungen deutlich steigen. Möglicherweise sehen wir bei der Inflation in diesem Jahr eine 3 vor dem Komma. In diesem herausfordernden Umfeld werden die Kreditvergabestandards der Banken tendenziell restriktiver. Aber ich glaube nicht, dass wir von einer Kreditklemme sprechen können. Eine Kreditklemme würde bedeuten, dass auch Unternehmen mit einer guten Bonität Schwierigkeiten bekämen, Kredite aufzunehmen. Davon sind wir weit entfernt.

Die deutsche Bankenlandschaft versorgt die Unternehmen noch mit ausreichend Kapital, um Investitionen tätigen zu können?

Das eigentliche strukturelle Problem ist, dass der Mittelstand zu wenig investiert. Das werden wir nicht durch günstigere Refinanzierungskosten lösen können. Aber angesichts der wirtschaftlich schwierigen Lage werden Banken sicherlich stärker differenzieren, in welche Branchen, in welche Mittelständler, mit welcher Bonität und welchen Geschäftsaussichten sie Geld stecken. Das ist aber nichts Neues, das war schon immer so.

Sie sagen, der Mittelstand investiert zu wenig. Woher kommt dann der Investitionsstau, wenn es nicht an einer restriktiven Kreditvergabe der Banken liegt?

Wir befinden uns – wie jeder inzwischen weiß - nicht nur in einer Konjunkturkrise, sondern auch in einer Strukturkrise. Die Investitionstätigkeit eines Unternehmens hängt von der Zuversicht auf geschäftlichen Erfolg ab. Wenn wir die Wirtschaftskrise, die jetzt im siebten Jahr anhält, überwinden wollen, muss das Vertrauen in den Standort wieder wachsen.

Aktuell haben wir eine deutlich verringerte Investitionsquote. Die Unternehmensinvestitionen im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt lagen 1991 bei rund 16%, heute sind es 11%. Die langfristige Entwicklung ist nicht gut. Gleichzeitig sind in den letzten Jahren auch die privaten Wohnungsbauinvestitionen deutlich zurückgegangen, während die staatlichen Investitionen zugelegt haben. Wir brauchen mehr private Wohnungsbauinvestitionen und Unternehmensinvestitionen.

Aber der Bund investiert jetzt verstärkt. Oder?

Ja, aber auch beim Staat gab es einen Investitionsstau, der sich durch das Sondervermögen langsam löst. Das ist auch zwingend notwendig, wir brauchen eine staatliche Infrastruktur auf Weltklasse-Niveau in Deutschland, damit dieser Standort wettbewerbsfähig bleibt. Da geht es um Verkehrsadern, Energieinfrastruktur, Bildungsreinrichtungen und mehr. Deutschland ist heute noch Top 3 in der Welt bei der Transportinfrastruktur. Das heißt, wir haben noch immer eine recht gute Position, die darf aber nicht erodieren.

Wie schätzen sie die Investitionstätigkeit der Unternehmen ein?

Die privaten Investitionen sind gemessen an der Wirtschaftskraft des Landes zu gering. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, in denen die Unternehmen investieren. Aktuell investieren viele Mittelständler aufgrund der hohen Unsicherheit zu wenig. Die ausländischen Investitionen, die lange auch für Wohlstand in unserem Land gesorgt haben, sind ebenfalls seit Längerem tendenziell rückläufig. Das hat nachhaltige Auswirkungen. Wir haben einen Investitionsstau im Bereich Digitalisierung und IT-Investitionen von 50 bis 100 Milliarden Euro jedes Jahr. Auch im Vergleich zu Ländern wie Frankreich ist das Investitionsniveau zu niedrig.

Woran liegt das?

Wir haben zu lange nicht mehr genau genug hingeschaut, wo in Deutschland investiert werden muss, und was getan werden muss, um spitze zu bleiben. Das ist aber die Voraussetzung für unseren Wohlstand. Im Zweifel werden heute in vielen Bereichen zwar noch Ersatzinvestitionen getätigt, Neuinvestitionen gehen aber ins Ausland wie zum Beispiel nach Polen. Die Verlagerung von Produktion findet schon seit geraumer Zeit statt.

Die Bundesregierung hat eine Digitalisierungsoffensive gestartet, um international aufzuholen. Wirkt sich das inzwischen positiv auf den Standort aus?

Mittelständische Unternehmen machen 99 Prozent der Unternehmen in Deutschland aus mit fast 33 Millionen der Beschäftigten. Eine ganze Reihe dieser Unternehmen sind strukturell unterinvestiert im Bereich IT und Digitalisierung. Mit besseren Finanzierungen allein werden wir das nicht lösen, das hat auch etwas mit dem Mangel an Fachkräften zu tun. Die Rahmenbedingungen insgesamt zu verbessern, ist eine sehr große Aufgabe. Politisch ist bereits eine ganze Menge passiert, aber am Ende sind es die Unternehmerinnen oder der Unternehmer, die die Entscheidung treffen.

Welche Instrumente haben Sie denn da, um zum Beispiel die Digitalisierung im Mittelstand voranzubringen?

Die KfW bietet beispielsweise einen Innovations- und Digitalisierungskredit an, mit dem wir Anreize für einen Digitalisierungscheck bieten. Wer diesen durchführt, kann – je nach Ergebnis – auch noch einen Tilgungszuschuss erhalten Das ist etwas sehr Konkretes und aus meiner Sicht auch attraktiv. Deswegen waren wir in der Lage, die Innovations- und Digitalisierungskredite letztes Jahr auf 1,6 Mrd. Euro zu steigern. Das kann gemessen an der Größe unserer Volkswirtschaft aber natürlich nur ein Beginn sein.

Die Eigenkapitalquote im Durchschnitt der mittelständischen Unternehmen liegt bei knapp 31 Prozent. Sie ist in der Regel umso höher, je größer das Unternehmen ist. Die Digitalisierungslücke ist meist umso größer, je kleiner das Unternehmen ist. Da besteht also ein Zusammenhang. Wir haben nur einen begrenzten Hebel, den wir aber nutzen wollen.

Unternehmensgründungen ….

... sind davon zu trennen. Das ist praktisch der Mittelstand von morgen, vielleicht auch das DAX-Unternehmen von übermorgen. Bei diesen Start-ups geht es darum, dass wir vor allem ein Ökosystem entwickeln, in denen sie entstehen und wachsen können. Es besteht aus Universitäten, Venture Capital-Finanzierungen, staatlichen Impulsen und der Einbindung des Mittelstandes. Darin liegt ein großes Potenzial, das wir in unserem Land noch gar nicht adressiert haben. Kein anderes Land der Welt kann diese Kombination bieten. Wir schauen noch zu isoliert auf die einzelnen Sektoren, anstatt sie ganzheitlich zu betrachten.

Die Finanzierung von Start-ups und von Mittelständlern sind ja zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Lassen sie uns das einzeln betrachten. Wie sieht es bei den Start-ups aus?

Wir sind gerade dabei, die Start-up- und Scale-up-Förderung neu auszurichten. Der Fokus hat drei Stoßrichtungen: Erstens müssen wir das VC-Ökosystem, wie schon skizziert, strukturell entwickeln. Zweitens investieren wir über KfW Capital seit fast acht Jahren kontinuierlich in das VC-Ökosystem. Mit 3,3 Mrd. Euro sind wir der zweitgrößte Venture Capital-Fonds-Investor in Europa. Da haben wir nur eine indirekte Wirkung. Die Lücke zu den USA ist immer noch sehr groß. Um ein ähnliches Investitionsniveau wie dort zu erreichen, bräuchten wir jedes Jahr bis zu 27 Mrd. Euro an Venture-Capital-Finanzierung aktuell stehen wir zwischen 7 und 8 Mrd. Euro. Das Kapital in Deutschland ist da. Drittens haben wir jetzt die Möglichkeit, uns über das Instrument Scale-up direct gemeinsam mit privaten Co-Investoren direkt an Start-ups zu beteiligen. Dies ist ein neues Element des Deutschlandfonds. KfW Capital hat sich bereits gemeinsam mit dem Fonds HV Capital an Quantum Systems beteiligt. Diese Ankerfunktion ist wichtig.

Können Sie das genauer erklären?

Bisher haben wir uns ausschließlich an VC-Fonds beteiligt. Jetzt können wir auch in einem Private Placement gemeinsam mit anderen Investoren direkt in jene Unternehmen investieren, an denen wir bisher nur indirekt über einen Fonds beteiligt waren. KfW Capital wird als Qualitätsinvestor wahrgenommen. Das ist ein sehr großer Erfolg für ein staatliches Unternehmen. 

Nach unseren Erfahrungen hat die Start-up-Finanzierung in Deutschland während der Nullzinsperiode deutlich zugelegt. Damit wollten Investoren eine Überrendite erzielen. Doch seit dem Zinsanstieg infolge des Ukrainekrieges hat das wieder abgenommen. Wie sehen Sie das?

Es hängt sehr davon ab, in welcher Phase der Unternehmensgründung und der -entwicklung ein Unternehmen sich befindet. In Deutschland haben wir grundsätzlich weniger Probleme bei der Seed-Finanzierung, also der frühen Phase eines Start-ups. Eine deutliche Investitionslücke haben wir hingegen in der späteren Phase, in der es um die Finanzierung von Wachstum, Skalierung und eventuell einem Börsengang geht - zum Beispiel, wenn ein Unternehmen im Rahmen eines Private Placements 100 bis 500 Mio. Euro aufnehmen möchte. Das können in den USA teilweise einzelne Investoren stemmen. Diese Nachfrage haben wir in Deutschland nicht - weder von den Family Offices noch von den Pensionskassen oder den Versicherungen. Das müssen wir aus meiner Sicht ändern. Wir sollten stärker für diese Asset-Klasse werben. 

Ist das nicht ein hausgemachtes Problem? In anderen europäischen Ländern und vor allem in Übersee gibt es viel mehr kapitalgedeckte Altersvorsorge. Über diesen Weg könnte man u.a. mehr in Venture Capital investieren.

Deutschland sollte sich, wie andere europäische Länder auch, zu einer viel stärker kapitalmarktfinanzierten Volkswirtschaft entwickeln. Warum? Weil Innovationen der zentrale Wachstumstreiber sind. Die USA zeigen uns den Weg. Amerika wächst gerade vor allem aufgrund seiner Technologieführerschaft. Wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, brauchen wir Chancen- oder Wachstumskapital für junge innovative Technologiefirmen in sehr großem Umfang.

In den letzten zehn Jahren war nach unseren Daten das europäische Venture Capital als Asset-Klasse attraktiver als in den USA. Das ist für viele eine sehr überraschende Aussage. Woran liegt das? Wir haben tolle Unternehmen und wir haben sehr wenig Nachfrage. Das heißt, amerikanisches Kapital trifft hier auf einen weniger reifen Markt als in den USA. Deswegen fließt auch amerikanisches Kapital nach Deutschland.

Stefan Wintels ist seit 2021 Vorstandschef der KfW. Nach einem BWL-Studium in Berlin und den USA hat er seinen beruflichen Werdegang bei der Deutschen Bank gestartet. Dort arbeitete u.a. in der Konzernentwicklung und im Wertpapierhandel. Anschließend wechselte der gebürtige Nordhorner ins Investment Banking der Citigroup, bei der er viele Jahre das Deutschlandgeschäft leitete und Vorstandsvorsitzender der Citigroup Global Markets Deutschland AG war. Wintels ist verheiratet und hat vier Kinder.
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