Fakes überschwemmen Europa
Schon mal in Bangkok eingekauft? Im stadtbekannten Kaufhaus MBK gibt es alles, was das Herz begehrt: Glashütte-Uhren, Remowa-Koffer und natürlich begehrte Mode. Angefangen von MCM und Boss über Lloyd bis hin zu adidas- und Puma. Nahezu das gesamte Warensortiment der Markenartikler wird dort zum Spottpreis angeboten.
Mit 5 Euro ist man schon etwa mit einem Sport-Set dabei. Entsprechend tummeln sich Touristen aus allen Herren Länder in dem Shoppingparadies an der S-Bahn-Station National Stadium. Der Haken: Die Schnäppchen sind Fakes. Meist zwar gut gefertigt, aber Produktfälschungen.
Plagiatsschwemme in Europa
Für deutsche Unternehmen sind solche Plagiate ein riesiges Problem. Ihnen gehen Millionen-Umsätze verloren. Aber nicht die zwei oder drei Fake-Shirts, die Urlauber aus Thailand oder der Türkei im Koffer durch den heimischen Zoll schmuggeln, bereiten den Markenartikler Kopfzerbrechen, sondern vielmehr der boomende Onlinehandel mit Falsifikaten. Der nimmt rasant zu.
Inzwischen wird die Europäische Union täglich mit Päckchen und ihren gefälschten Inhalten über Online-Plattformen aus Drittländern überschwemmt. „Als Markenverband fordern wir von der Politik strengere Regeln für diese Online-Plattformbetreiber. Handeln muss die EU-Kommission. Wir wünschen uns, dass die Bundesregierung dafür Druck macht“, sagt Patrick Kammerer, Hauptgeschäftsführer Markenverband, den FUCHSBRIEFEN.
Wenig Unrechtsbewusstsein
Der Markenverband spricht von fast 90 Millionen Päckchen, die pro Woche in die EU gelangen. Mehr als 90% davon stammen aus China. „Stichwort Temu und Shein. Dieses Einfallstor ist inzwischen so breit aufgestoßen, dass geschätzt etwa 6% aller Waren, die in die EU gelangen, illegal sind. Tendenz steigend“, beschreibt Kammerer die Lage und bezieht sich auf das Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum, kurz EUIPO, mit Sitz im spanischen Valencia.
Dies hat nämlich festgestellt, dass das Problem auch bei den europäischen Kunden liegt. Nach einer EUIPO-Befragung finden es ein Drittel der Befragten in Ordnung, gefälschte Waren zu kaufen, wenn ihnen das Originalprodukt zu teuer ist. Bei jungen Menschen sind es sogar die Hälfte. Dass gefälschte Kleidung gesundheitliche Risiken bergen, etwa durch giftige Färbemittel, ätzende Imprägnierungen oder minderwertige Dämpfung in Sportschuhen, spielt für die Käufer keine Rolle.
Große wirtschaftliche Schäden
Europäische Hersteller verlieren laut der IHK München durch Produktpiraterie Einnahmen von rd. 60 Milliarden Euro pro Jahr. Den EU-Staaten gehen zudem Steuern und Sozialabgaben in einer Größenordnung von 16,3 Milliarden Euro verloren. Zudem vernichten Fälschungen in der EU direkt etwa 470.000 Arbeitsplätze, in Deutschland mehr als 64.000.
Adidas, Boss und Puma gehen auf Anfrage von FUCHSBRIEFE auch deshalb rigoros gegen Produktpiraten vor. „Wir nehmen mögliche Verletzungen unserer Markenrechte sehr ernst und verfolgen diese weltweit konsequent - in enger Zusammenarbeit mit Behörden, Zollstellen, Online-Plattformen und weiteren Partnern“, heißt es in einem Unternehmens-Statement von Boss.
Überforderter Zoll
Doch vor allem der deutsche Zoll ist angesichts der schieren Paketflut überfordert. Zwar stellten die Fahnder 2025 rd. 4,6 Mio. Produktfälschungen mit einem geschätzten Wert von knapp 450 Mio. Euro sicher. Doch ist das nur die Spitze des Eisberges, da die Fahnder lediglich stichprobenhaft kontrollieren und es zudem keine Abschreckung gibt. Falls Fake-Kunden für den Eigenverbrauch shoppen, müssen sie bis auf die Vernichtung der Waren keine strafrechtlichen Konsequenzen fürchten.
Und deshalb sieht der Markenverband die Bundesregierung in der Pflicht. Die sollte sich in Brüssel u.a. dafür einsetzen, dass Plattformbetreiber haften müssen, wenn sie Fälschungen nicht aktiv bekämpfen und als Fälschung identifizierte Ware nicht dauerhaft von den Plattformen entfernen.