Sauter: "Ethanol könnte sofort Emissionen sparen und Abhängigkeiten senken"
Brasilien macht es vor. Auf dem Weg zur Klimaneutralität nutzt das Land im Verkehrssektor Ethanol, inzwischen mit einer Beimischung von 30% im Benzin. Ob das auch in Deutschland möglich ist und warum wir nicht sofort E10 oder E20 als Standard einführen, um Rohöl zu sparen und die Emissionen zu denken, darüber sprachen FUCHSBRIEFE mit dem CEO der Verbio AG, Claus Sauter.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat auf der Hannover Messe Präsident Inácio Lula da Silva für die Kraftstoffstrategie Brasiliens mit einem Ethanol-Anteil von 30 Prozent im Benzin gelobt. Ist Brasilien Vorbild für Deutschland, um die Emissionen zu senken?
Ja, absolut. Aber der eigentliche Vorreiter sind die USA. Amerikanisches Maisethanol ist weltweit der billigste Kraftstoff überhaupt und ist aktuell 40% billiger als Benzin. Selbst in Deutschland wäre Ethanol im Moment wesentlich günstiger als Benzin. Es gibt nur nicht genügend Produktionskapazitäten, weil insbesondere Rot und Grün gegen mehr Biokraftstoff sind - und waren.
Nochmal nachgefragt, Verbio als ein Marktführer ist also nicht in der Lage, mit den bestehenden Produktionsanlagen einen höheren Bedarf decken?
Nein, können wir nicht. Wir haben seit 2005 praktisch nicht mehr in Kapazitätsausweitungen in Deutschland investiert, weil die beiden letzten Umweltministerinnen von SPD und Grünen, Svenja Schulze und Steffi Lemke, ein Ende der Biokraftstoffe 1. Generation wollten.
Wieviel Emissionen könnte Deutschland im Straßenverkehr einsparen, wenn allein E10 verpflichtend eingeführt wird?
Ethanol hat im Schnitt 90% weniger Treibhausgas-Emissionen als Benzin. Das heißt, wenn E10 Standard wäre, dann würden die THG-Emissionen um 90% reduziert. Außerdem verbrennt Ethanol viel sauberer als Diesel oder Benzin.
Könnte in Deutschland genügend Biomasse produziert werden, um einen höheren Bedarf zu decken?
Europa und Deutschland haben im Moment viel zu viel Biomasse. Die Viehbestände in Europa gehen seit Jahren zurück. Rot/Grün wollte diese freiwerdende Biomasse aber nicht als Rohstoff für mehr Biokraftstoff gesehen haben, sondern die Agrarflächen stilllegen. Wahnsinn, was da die letzten 15 Jahre für eine aberwitzige Politik gemacht wurde.
Lula da Silva hat davon gesprochen, dass in Brasilien für den heimischen Bedarf kein Regenwald gerodet werden muss und genügend Flächen für den Anbau zur Verfügung stehen. In Deutschland gibt es ethisch-moralische Vorbehalte, dass Agrarprodukte mit Blick auf die Welternährung zur Treibstoffproduktion genutzt werden sollen. Was sagen Sie dazu?
Diese Tank- und Teller-Debatte wird nur noch in Deutschland geführt. Die Diskussion ist totaler Quatsch. Ich war mehrfach in Brasilien, und das Potential in Brasilien für eine Verdoppelung der Biokraftstoffproduktion ist gewaltig. Brasilien könnte seine Produktion verdoppeln, ohne dass dafür ein Baum gefällt würde. Selbst in Indien ist E20 seit Sommer 2025 Normalkraftstoff. Ja, Indien. Der Rohstoff für die Ethanolproduktion ist Zucker, Mais und Reis. Also während wir in Deutschland eine Tank- oder Teller- Debatte führen, weil in Indien die Kinder verhungern, implementiert Indien innerhalb von nur 5 Jahren E20. Vor 2020 war der Ethanolanteil im Benzin null.
Ist Südamerika mit Inkrafttreten des Mercosur-Abkommens ein Markt, der für Sie interessant wird?
Ja, absolut ist Brasilien interessant. Deshalb war ich mehrfach da. Die Crux an mehr Biokraftstoffen ist eine mittlerweile rein ideologische Diskussion aus dem linken und grünen Spektrum. Diese Leute sind beratungsresistent und lassen Fakten nicht gelten. Politisch werden alle 3 Jahre die Rahmenbedingungen gravierend geändert, so dass bewusst keine Investitionssicherheit aufkommt und deshalb auch niemand investiert. Wenn die SPD sich heute hinstellt und über hohe Kraftstoffpreise lamentiert, dann ist das reine Heuchelei. Die SPD ist nicht an niedrigen Kraftstoffpreisen interessiert!
Wie kommen Sie darauf?
Die SPD will die ganze Gesellschaft Richtung Elektromobilität in allen Bereichen drängen und deshalb sind die hohen Kraftstoffpreise willkommen. Dass es neben Elektromobilität mit Biokraftstoffen eine vernünftige, preiswerte Alternative gäbe, die im Bestand einsetzbar wäre, wird ideologisch verhindert. Wir, Verbio, haben an unseren BioCNG und BioLNG-Tankstellen während dieser ganzen Kraftstoffkrise unsere Preise stabil gehalten. Unser Biokraftstoff, hauptsächlich für LKW, kostet immer noch unter 1 €/kg.
Hat sich das Freihandelsabkommen mit Indien positiv auf die Geschäfte von Verbio ausgewirkt?
Noch nicht, aber wir sind dabei. Ich bin sehr positiv gestimmt, dass dieses Abkommen für unser Indienengagement ein Gamechanger ist.