Informationen und qualifizierte Einschätzungen zu Chancen und Risiken
030-288 817-0
0,00 €
749
Memorandum ehemaliger EZB-Direktoriumsmitglieder und Notenbankpräsidenten

Zu spät

Ein Memorandum ehemaliger Notenbankpräsidenten und Direktoriumsmitglieder sorgt für Aufsehen. Denn es ist ein offener Protest gegen die Geldpolitik des scheidenden EZB-Präsidenten Mario Draghi. Die Vorwürfe sind berechtigt, nur: Der Protest ist hohl, argumentiert FUCHSBRIEFE-Chefredakteur Ralf Vielhaber.

Der Streit um die Geldpolitik der EZB spitzt sich zu. Nach dem Rücktritt von Direktoriumsmitglied Sabine Lautenschläger aus Protest gegen die ultralockere Geldpolitik unter Präsident Mario Draghi folgte am Wochenende ein Memorandum – ein offener Brief – mehrerer Ex-Größen aus dem Direktorium der EZB bzw. Ex-Notenbankpräsidenten. Darunter Herve Hannoun, von 2000 bis 2005 erster stellvertretender Gouverneur der Bank von Frankreich, Otmar Issing, Chefökonom bis 2006, Klaus Liebscher, von 1998 bis 2008 Chef der österreichischen Nationalbank, Nout Wellink, 1997 bis 2011 Präsident der Nederlandsche Bank.
Die Vorwürfe lauten: Die EZB bekämpft eine nicht vorhandene Deflationsgefahr. Schwache Banken und Unternehmen würden durch die Niedrigzinsen ungebührlich lange am Leben gehalten. Der natürliche wirtschaftliche Ausleseprozess finde nicht mehr statt. Und es gebe enorme Umverteilungseffekte.

Protest kommt zu spät – EZB-Spitze erneut von Frankreich okkupiert

Die Vorwürfe sind richtig. Aber der geballte Protest kommt zu spät. Die nächste Präsidentin steht mit der von Emmanuel Macron ins Amt gehievten Französin und Ex-IWF-Chefin Christine Lagarde fest. Mit ihr kommt eine Frau an die Spitze der EZB laut einer Enthüllung von le Monde in ihrer zeit als Finanzministerin Frankreichs eine Notiz an ihren Parteifreund und Ex-Präsidenten Frankreichs Nicolas Sarkozy geschrieben haben soll, in der sie verspricht, „Frankreich und Sarkozys Plänen für Frankreich dienen" zu wollen und weiter: „Nutze mich, solange es dir und deinen Plänen für Frankreich nützt".

Das ist eben der Unterschied: Frankreich weiß, welche Positionen in Europa wann wichtig sind. Die deutschen Vertreter im Direktorium aber haben den Kampf um die geldpolitische Ausrichtung vorzeitig verloren gegeben. Ex-Bundesbankpräsident Axel Weber nahm den Posten des EZB-Chefs nicht an, weil ihm die Unterstützung Merkels fehlte – so wie sie heute für Weidman gefehlt hat. Jürgen Stark als Chefvolkswirt verließ bereits das Direktorium vorzeitig unter Protest. Lautenschläger macht es ihm jetzt nach.

Verlust an Einfluss durch Resignation deutscher EZB-Vertreter

Nur: Wer geht, verliert erst recht an Einfluss. Und es war noch unter dem Chefvolkswirt Issing im Mai 2003, dass der EZB-Rat das Inflationsziel neu festlegte: auf „unter, aber nahe bei 2%" (vorher: unter 2%). Der jetzige Protest, so berechtigt er auch ist, ist hohl. Die Nordlichter im Gremium haben den Kampf um die geldpolitische Lufthoheit zu spät begonnen und zu früh die Waffen gestreckt,

findet Ihr

Unterschrift Ralf Vielhaber

Meist gelesene Artikel
  • Fuchs plus
  • Rothschild Bank AG: Wissenswertes TOPS 2020

Rothschild Bank AG: Die Königsmacher

Die Rothschild Bank in Zürich gibt es erst seit gut 50 Jahren, das Bankenimperium der Rothschilds dagegen schon seit Ende des 18. Jahrhunderts. Aus einfachen jüdischen Verhältnissen stammend arbeitet sich der Gründer Mayer Amschel Rotschild empor, seine Nachfolger bewahren und mehren den Reichtum der Familie – bis heute, in der mittlerweile 9. Generation.
  • Fuchs plus
  • Bank Gutmann AG: Wissenswertes TOPS 2020

Bank Gutmann AG: Tradition und Kontinuität

Die Bank Gutmann ist eine Wiener Privatbank mit Fokus auf den Heimatmarkt Österreich. Auch wenn schon seit vielen Jahren die Gründerfamilie Gutmann nicht mehr Eigentümer des auf Vermögensverwaltung spezialisierten Hauses ist, steht der Name doch nach wie vor für Solidität und ein auf Partnerschaft basierendes Management.
  • Fuchs plus
  • Proteste im EZB-Direktorium werden lauter

Selbst geschaffene Stabilitätsrisiken im Euroland

Kritisiert offen die Politik der EZB: François Villeroy de Gallhau Copyright: Picture Alliance
Immer deutlicher wird: Die EZB fährt in der Geldpolitik einen zunehmend riskanten Kurs. Die Geldstabilität ist gefährdet. Dafür sprechen Äußerungen aus dem „inner circle".
Neueste Artikel
  • Fuchs plus
  • Tiefer Fall des Ölpreises möglich

Ölpreis vor kritischer Marke

Die Aussichten für Öl sind mittelfristig schlecht.
Der Ölpreis hat sich ein letztes Mal aufgebäumt – jetzt ist die Richtung vorgegeben. Und der Richtungspfeil zeigt nach Süden. Dafür sind fundamentale wie technische Gründe Ausschlag gebend. Doch für Investoren ist eine solch eindeutig abwärts gerichtete Situation alles andere als beklagenswert.
  • Fuchs plus
  • Im Oktober steht ein erneuter Dreh bevor

Der schwache Real drückt den Kaffeepreis

Der Kaffeepreis leidet deutlich unter zwei Entwicklungen in Lateinamerika: Den idealen Wetterbedingungen für die Kaffeeernte im Hauptproduktionsland Brasilien. Und dem schwachen Brasilianischen Real (BRL). Doch der Oktober ist für Kaffee ein besonderer Monat.
  • Fuchs plus
  • An einem Kryptogeld führt im Zeitalter von Industrie 4.0 kein Weg vorbei

Europas Politik sollte Libra als Chance erkennen

Libra geht in eine kritische Phase über. Copyright: Pixabay
Ob Libra oder E-Euro: An einem Kryptogeld auf Blockchain-Basis führt im Zeitalter von Industrie 4.0 kein Weg vorbei. Denn mit Kryptogeld verbindet sich viel mehr als die reine Zahlfunktion. Europas Politik könnte erneut eine große Chance verpassen.
Zum Seitenanfang