Zwei-Klassen-Strommarkt in Deutschland
Die deutsche Energiewende steht an einem Kipppunkt. Während die Politik weiterhin den Umbau der Energieversorgung als ökologisches und wirtschaftliches Vorbildprojekt feiert, zeigt sich im Alltag ein ganz anderes Bild. „Das System droht an seiner sozialen und infrastrukturellen Schieflage zu scheitern“, warnt der Elektromobilitäts-Experte und Betreiber eines Fachkanals, Julian Affeldt, im Podcast „Geladen“. Der Netzausbau sei zu langsam, die Speicherstrategie zu egoistisch, der politische Kurs zu schwankend – und das alles in einem System, das immer stärker in eine Zwei-Klassen-Struktur abgleitet.
Gewinner und Verlierer im Stromsystem
Eigenheimbesitzer mit gutem Einkommen bauen sich ihre Dächer voll, speichern Strom, nutzen dynamische Tarife und reduzieren so ihre Stromrechnung. Auf der anderen Seite bleiben Millionen Mieter, Rentner und Geringverdiener außen vor. Ihnen fehlt es an Kapital, Fläche oder technischer Infrastruktur. Die Konsequenz: Sie zahlen – über steigende Netzentgelte – die Kosten für ein System, das andere längst verlassen haben. „Wenn einer neun Monate lang fast autark ist und dann im November wieder Strom aus dem Netz bezieht, nutzt er es trotzdem. Aber zahlen müssen am Ende die, die das gar nicht können“, so Affeldt.
Er verweist dabei auch auf ein Paradox im deutschen Strommarkt: Strom wird zu Zeiten der höchsten Einspeisung zunehmend wertlos – negative Börsenpreise sind keine Seltenheit mehr. Das führe dazu, dass viele Anlagenbetreiber Strom nicht einspeisen, sondern für sich behalten. Was aus Sicht des Einzelnen nachvollziehbar ist, entpuppt sich auf Systemebene als Problem. Denn so fehlen Flexibilität, Netzdienlichkeit und eine sinnvolle Lastverteilung.
„Macht die Dächer voll“ – ein teurer Irrweg?
Längst ist das einstige Leitmotiv der Energiewende – möglichst viele dezentrale Anlagen zu fördern – in Frage gestellt. In überlasteten Netzgebieten verweigern Betreiber bereits den Einspeisezugang. „Ich kenne viele Fälle, da bekommen PV-Besitzer nach der Installation einen Brief: Anschluss ja – aber Null-Einspeisung“, berichtet Affeldt aus dem Berliner Umland. Das Netz sei schlicht voll. Besonders prekär: Der Netzausbau kommt nicht hinterher – aus technischen, personellen und regulatorischen Gründen.
Was sich wie ein technisches Detail anhört, ist in Wahrheit ein politischer Sprengsatz. Denn es geht um Verteilungsgerechtigkeit. Um die Frage, wer künftig zahlt, wenn sich immer mehr Stromkunden aus dem System zurückziehen. Und um das Risiko einer sozialen Spaltung – zwischen aktiven Energieproduzenten und passiven Zahlern.
Speicher ohne System, Politik ohne Plan
Besonders kritisch bewertet Affeldt den Trend zum privaten Speicher. Viele Verbraucher installierten sogenannte „Egospeicher“, die nur dem Eigenverbrauch dienen. Diese Systeme reagierten ausschließlich auf Preissignale – nicht auf die reale Netzbelastung. Das könne dazu führen, dass sich Speicher gerade in Zeiten aufladen, in denen das Netz ohnehin angespannt ist. Die vielzitierte Netzdienlichkeit bleibe auf der Strecke.
Auch Smart Meter, zentrale Bausteine der digitalen Energiewelt, kommen kaum zum Einsatz. Der Rollout stockt, die Anreize sind zu gering. Deutschland rangiert laut Affeldt europaweit auf den hintersten Plätzen. Ohne flächendeckende Messinfrastruktur sei aber weder Laststeuerung noch zeitvariable Preisgestaltung möglich – das mache jede Debatte über intelligente Netztarife zur Farce.
Stillstand droht – und keiner steuert
Politisch wächst der Druck. Netzbetreiber zögern mit Investitionen – aus Angst vor einem Richtungswechsel in der Energiepolitik. Die Regierung steht wegen ihres energiepolitischen Zickzackkurses zunehmend in der Kritik. Die Folge: Stillstand statt Aufbruch. Kein Masterplan, keine Koordination, keine Verlässlichkeit. Inzwischen sei der politische Vertrauensverlust das größte Risiko für die Energiewende.