Bitte registrieren Sie sich neu, um alle nicht kostenpflichtigen Inhalte auf fuchsrichter.de einsehen zu können.
030-288 817-20
0,00 €
1982
Interview mit Rechtsanwalt Klaus Rotter, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht, München

Ombudsleute im Private Banking wenig gefragt

© RA Klaus Rotter
Rechtsanwalt Klaus Rotter sieht nach wie vor keine messbare Tendenz zur Kundenzentrierung in der Bankberatung. Nach wie vor würden für fertige Produkte die passenden Kunden gesucht und nicht umgekehrt, passende Produkte für Kunden entwickelt. "Zumal nach wie vor zweifelhafte Finanzprodukte wie Zertifikate, in großem Stil an Bankkunden empfohlen werden", meint Klaus Rotter zu Elke Pohl im Interview für die FUCHS|RICHTER Prüfinstanz.

FUCHS|RICHTER Prüfinstanz: Welche regulatorischen Entscheidungen der letzten zwei, drei Jahre haben nach Ihrem Kenntnisstand größere Auswirkungen auf Bankkunden und wie spiegelt sich das in Rechtsstreitigkeiten wider?

RA Klaus Rotter: Hervorzuheben sind sicherlich die strengeren regulatorischen Regelungen durch MiFiD II. Diese Regelungen haben unserer Einschätzung nach zumindest zur Verringerung der krassen Fälle von fehlerhafter Anlageberatung geführt. Zwar sind die Fallzahlen im Bereich fehlerhafter Anlageberatung und Vermögensverwaltung generell rückläufig. Allerdings ist es noch zu früh, diesen Umstand allein auf die strengeren Regelungen zurückzuführen. Dies kann auch an dem seit vielen Jahren freundlichen Börsenumfeld liegen. Positiv hervorzuheben ist, dass die BaFin die letzten Jahre deutlich kundenfreundlicher agiert als vor etwa 2015. Vor allem der Wirecard-Betrug hat nochmals zu einer verbraucherfreundlicheren Finanzmarktaufsicht geführt. 

Niedrigzinsen verursachen großvolumige Schäden

Wie hat sich das Aufkommen an Rechtsstreitigkeiten zu Anlage- und Kapitalmarktthemen aus Ihrer Sicht entwickelt?

Durch das Niedrigzinsniveau versuchen Anleger sich in weniger sicheren Anlagen, wie etwa Krypto Assets. Dies hat zur Folge, dass von den großen Schadensfällen in den letzten Jahren wie die Infinus-Gruppe (rund 900 Mio. EUR), P&R (rund 2,5 Mrd. EUR) und Wirecard (rund 1 Mrd. EUR) viele Privatanleger betroffen waren, die dadurch einen Großteil ihrer gesamten Ersparnisse verloren haben. Würde es Zinsen auf das Konto bzw. Sparbuch geben, dann hätten weitaus weniger Anleger ihre Gelder anderweitig investiert und die Schadensfälle wären nicht so großvolumig gewesen.

Anlageberater haben Kündigung von Lebensversicherungen empfohlen

Welche Themen verursachen die meisten Streitigkeiten?

Es gibt nach wie vor zu verschiedenen Themen Streitigkeiten. Themen in den letzten Jahren waren Negativzins bei institutionellen und privaten Anlegern. Bei privaten Anlegern sind es die zahlreichen Fälle der Prämiensparverträge. Auch Streitigkeiten bei geschlossenen Fonds, insbesondere die Rückforderung von Ausschüttungen, sind sehr zahlreich. Zugenommen haben die Fälle der Veruntreuungen von Bankguthaben, die regelmäßig über N26 abgewickelt werden. Beratungshaftungsfälle haben abgenommen, kommen aber immer wieder vor. Aktuell führen wir einige Fälle gegen Anlageberater, die den Kunden die Kündigung von Lebensversicherungsverträgen empfohlen haben.

Streitlust hängt von Finanzierung ab

Hat sich die Streitkultur verändert? Sind Kunden heute eher bereit es auf einen Rechtsstreit ankommen zu lassen?

Bei einem Rechtsstreit spielt das Kostenrisiko, welches der Kläger zunächst zu tragen hat, eine erhebliche Rolle. Seit der Finanzmarktkrise sind Rechtsschutzversicherungen dazu übergegangen in ihren allgemeinen Versicherungsbedingungen (ARB) den Rechtsschutz bzgl. der Investition in Wertpapieren und gleichstehende Beteiligungen auszuschließen. Natürlich gibt es auch Alternativen der Prozessfinanzierung wie durch Prozessfinanzierungsgesellschaften. Daher hängt viel davon, ob sich ein Bankkunde den Rechtsstreit leisten kann bzw. eine entsprechende Finanzierungslösung findet.

Ombudsleute nur selten beansprucht

Welche Rolle spielen die Ombudsleute bei der Streitbeilegung?

Ombudsleute der privaten Banken sprechen nur dann eine Entscheidung aus, wenn der vorgetragene Sachverhalt bereits eindeutig höchstrichterlich durch den Bundesgerichtshof geklärt ist und alle Tatsachen unstreitig sind. Zudem ist eine für den Bankkunden positive Entscheidung der Ombudsleute für die Bank nur bindend bis zu einem Wert in Höhe von 10.000 Euro. Unsere Fälle liegen regelmäßig über diesem Wert, so dass wir nicht in vielen Fälle die Ombudsleute der privaten Banken angerufen haben.

Nur geeignete Produkte dürfen empfohlen werden

Sehen Sie eine positive Entwicklung bei den Banken, was Kundenzentrierung betrifft?

Durch die Umsetzung von MiFiD II dürfen Banken ihren Kunden grundsätzlich nur Produkte anbieten, die für diese geeignet sind (siehe § 64 Abs. 4 WpHG). Allerdings werden diese Produkte nicht für den einzelnen Kunden entwickelt, sondern für das entwickelte Produkt wird der passende Kunde gesucht. Daher sehen wir derzeit noch keine positive Entwicklung bei Banken bezüglich der Kundenzentrierung im Rahmen der Anlageberatung. Zumal nach wie vor zweifelhafte Finanzprodukte, wie Zertifikate, in großem Stil an Bankkunden empfohlen werden.

Vielen Dank für dieses interessante Gespräch, Herr Rotter.

Elke Pohl sprach für die FUCHS|RICHTER PRÜFINSTANZ mit dem Fachanwalt Klaus Rotter

Meist gelesene Artikel
  • Fuchs plus
  • Versorgungslage entspannt sich

Weizen inzwischen wieder deutlich günstiger

Weizen. © Konrad Weiss / Fotolia
Der Weizenpreis steht in diesem Jahr besonders im Fokus. Im Zuge des Ukraine-Kriegs schnellte er in die Höhe - nun sinkt er wieder kontinuierlich. Wird dieser Trend anhalten?
  • Im Fokus: Raumfahrt-Aktien

Europa forciert Weltraum-Investitionen

Artemis I rocket with Orion and European Service Module on the launchpad. © European Space Agency
Mit einem neuen hochgesteckten Investitionsrahmen will sie die EU in Weltraum-Fragen unabhängiger von internationalen Partnern machen. Von diesem Souveränitätsbestreben werden einige Aktien profitieren. FUCHS-Kapital stellt sie vor.
  • Fuchs plus
  • Vom Beratungsgespräch bis zur Investmentkompetenz

Wie wir im Vermögensmanagertest TOPS 2023 werten

Die Bewertungsbausteine in TOPS, © Verlag FUCHSBRIEFE, FUCHS|RICHTER Prüfinstanz
Es gibt nur eine Gelegenheit, einen guten Eindruck zu machen. Deshalb ist das Beratungsgespräch sowohl aus Sicht eines Private Banking Kunden als auch seiner Berater von großer Bedeutung. Hat der Kunde einen Eindruck von Fachkompetenz, Empathie und erstklassigem Service? Doch damit ist es nicht getan. Die Umsetzung in einem Anlagevorschlag ist der nächste Schritt. Und noch nicht der letzte, den die FUCHS | RICHTER Prüfinstanz bewertet.
Neueste Artikel
  • Fuchs plus
  • EZB veröffentlicht Bitcoin-Bericht

Geldhüter fürchten den Verlust ihrer Geld-Hoheit

Bitcoin. © VIGE.co / stock.adobe.com
Die Europäische Zentralbank hat sich auf die Kryptowährungen, speziell den Bitcoin, eingeschossen. Die EZB hat eine Studie publiziert, die den Bitcoin "auf dem Sterbebett" sieht. Allerdings kommt die Studie ohne Belege daher und basiert auf Behauptungen, die der Realität nicht entsprechen. Für FUCHS-Devisen entlarvt die Studie, wie groß die Sorge der "Geldhüter" vor dem Verlust ihrer Geld-Hoheit ist.
  • Fuchs plus
  • Devisenverkäufe werden notwendig

Zinskurve in der Schweiz bleibt flach

Schweiz Flagge. © Alexander Shcherbak / dpa / picture-alliance
In der Schweiz soll es angeblich immer etwas gemächlicher zugehen. Auch bei Inflation und Zinsen stimmt das. Da allerdings beinahe überall die Zinsen steil steigen, müssen sich die Eidgenossen etwas einfallen lassen, um ihre Währung zu schützen.
  • Fuchs plus
  • Umschwung am kurzen Ende

US-Zinsen knicken nach unten ab

Abwärtstrend. © SusanneB / iStock
An den Zinsmärkten hat es einen Richtungswechsel gegeben. Auslöser waren die Worte von Jerome Powell. Der Chef der US-Notenbank hat den Dampf aus dem Zinskessel gelassen. Das kurze Ende am Anleihenmarkt dreht scharf bei. Das gibt dem Euro eine neue Perspektive.
Zum Seitenanfang