Informationen und qualifizierte Einschätzungen zu Chancen und Risiken
030-288 817-20
0,00 €
1776

Aktien auf Kredit

In den Vereinigten Staaten sind sie gang und gäbe, in Deutschland skeptisch beäugt - fremdfinanzierte Aktienkäufe. Diese Anlageform kann ihren Reiz haben, Investoren sollten sich jedoch der Risiken ebenfalls bewusst sein.

In den USA stark verbreitet, in Deutschland kritisch beäugt: Aktienkauf mit Fremdkapital. Mit Blick auf die extrem niedrigen Zinsen kommen immer mehr Investoren auf die Idee, auf Kreditbasis anzulegen. Die Rechnung ist einfach: Wer langfristig 6% Ertrag aus Aktien erwartet und das Geld ebenso langfristig für 2% Darlehenszins erhält, macht 4% pro Jahr Plus.

Die Rendite auf das eingesetzte Eigenkapital kann sich so vervielfachen, wie die nachfolgende Tabelle zeigt.

Tabelle Gewinn und Verlustrechnung

Wer sogar 80% Fremdkapital einsetzt, erhöht in dieser Rechnung seine Eigenkapitalrendite auf 22% p. a.! Geht alles auf, ist das Geld dank Zinseszinseffekt nach drei Jahren fast verdoppelt.

Wie kommt man an das nötige Kleingeld?

Wo kommt ein solches Darlehen her? Immobilienbesitzer könnten Ihre Immobilie beleihen. Dann erhalten Sie – gute Bonität und ausreichend Immobilienwert vorausgesetzt – ein 10 Jahres-Darlehen aktuell für ca. 1%. Allerdings muss die Bank den Verwendungszweck akzeptieren.

Die Alternative sind Lombard-Darlehen. Hier wird ein eigenes Wertpapierdepot als Pfandobjekt hinterlegt und der Anleger kann so sein Investitionsvolumen verdoppeln. Der Zinssatz ist je Bank verschieden. Bei Vermögensverwaltungsmandanten werden derzeit ca. 2,5% Jahreszins vereinbart.

Vorsicht, es gibt eine Reihe von Tücken

Doch es gibt viele Tücken! Der positive Effekt, die Rendite mit Fremdkapital zu hebeln, kann sich auch umkehren. Denn alles hängt von der Entwicklung der Aktienmärkte ab. Halbwegs gut läuft es im obigen Beispiel noch, wenn die Aktienrendite über 10 Jahre nur 3% beträgt. Dann sinkt die Eigenkapitalrendite auf 4%. Wenn aber die Rendite z. B. -3% beträgt, liegt der jährliche Negativertrag bei -8%.

Das größte Problem ist aber das Verhalten der Banken, insbesondere beim Lombardkredit. Es werden je Wertpapier Beleihungsgrenzen festgelegt. Bei Aktien beträgt diese typischerweise 50%. Bei 100% Aktien sind daher 50% Darlehen möglich. Wenn nun diese Quote in guten Zeiten voll ausgeschöpft ist und die Börsen um 30% einbrechen, sinkt auch diese Beleihungsgrenze. Die Bank fordert sofort neues Geld zum Ausgleich ein oder liquidiert zwangsweise das Depot ganz oder teilweise. Dieses Desaster haben viele kreditinvestierte Investoren bei der Finanzkrise 2008 erlebt.

Bei einem Zinsumschwung entsteht schnell ein giftiger Cocktail

Bei der Variante mit einem Immobiliendarlehen stellt die Bank auf die Kapitaldienstfähigkeit des Anlegers ab. Ist er weiterhin in der Lage, Zins und Tilgung zu bezahlen, ist ein temporärer Absturz der Börsen i. d. R. für den Kreditgeber unkritisch.

Da die beliehene Immobilie nicht mehr frei verfügbar ist, kommen Unwägbarkeiten hinzu. Beim ungeplanten Verkauf der Immobilie muss das Darlehen getilgt werden. Da eine lange Zinsbindung vereinbart wurde, fällt ggfs. noch die teure Vorfälligkeitsentschädigung an. Die Rechnung geht dann nicht mehr wie geplant auf. Das fremdfinanzierte Depot mutiert zudem zu einem reinen Eigenkapitaldepot. Der Hebeleffekt entfällt.

Die lange Zinsbindung ist aber wichtig, weil ein großes Risiko im Raum steht: Die Zinsen steigen signifikant an. An den Kapitalmärkten wird es dann wohl turbulent, denn die Aktienmärkte werden nach unten korrigieren. Zugleich erhöht sich aber auch der (flexible) Darlehenszins. Höhere Zinsen und fallende Aktienkurse: Dies ist ein Giftcocktail für solche Anlagekonstruktionen.

Die Gift-Dosis erhöht sich, wenn nur wenige Aktien statt ganze Aktienbündel (z. B. ein MSCI World-ETF) gekauft werden. Denn dann schlägt auch das Einzelaktien-Risiko voll durch. Der Totalverlust des Eigenkapitals steht im Raum und im schlimmsten Fall steht nur noch das Darlehen in den Büchern. Das muss auf jeden Fall zurückgezahlt werden – sonst droht Privatinsolvenz.

Fazit

Fremdfinanzierte Aktiengeschäfte müssen sehr gut überlegt sein. Sie sind aufgrund ihrer Systematik sehr riskant, haben aber für risikofreudige, bonitätsstarke Investoren ihren Charme. Sie sollten aber alle Szenarien vorher durchdenken – oder die Finger davon lassen!

Meist gelesene Artikel
  • Fuchs plus
  • Bei Rechtsform GmbH & atypisch Still

Gewerbesteuer-Freibetrag steht bei falschem Gründungsdatum auf dem Spiel

Das Rechtsformwesen ist für den Laien per se kaum durchschaubar. Kryptische Begriffe wie "GmbH & atypisch Still" tauchen da auf. Hier handelt es sich nicht um eine Kapital-, sondern eine Personengesellschaft. Beim falsch gewählten Gründungsdatum kann man obendrein Freibeträge vergeigen.
  • Fuchs plus
  • Kunst als alternative Anlage gefragt

Anleger-Dreisprung: Aktien, Immobilien & Kunst

Der Kunstmarkt profitiert immer stärker von den hohen Aktienkursen, der Geldflut durch die Notenbanken und bereits teuren Immobilien. Das wird auch 2021 so bleiben. Dabei kanalisiert sich die Nachfrage weiter.
  • Rückblick in das ausschüttende Stiftungsdepot

Performance-Analyse ab September 2020

Die einfachste Performanceanalyse ist oft die Verständlichste. Über einen Zeitraum von fünf Monaten haben wir das Depot etwas umgeschichtet, Cashbestände reduziert, die Aktienquote erhöht und uns von Titeln ohne erkennbares Wachstumspotenzial getrennt.
Neueste Artikel
  • Fuchs plus
  • Verluste aus der Veräußerung von Aktien

Wenn das Börsengeschäft in die Binsen geht ...

Ein Steuerfall den Privatanleger kennen sollten: Ein Aktionär verkauft mit Verlust gegen ein geringes Entgelt Aktien an einen fremden Dritten. Das Finanzamt wollte im Einkommenssteuerbescheid diese Verluste nicht berücksichtigen. Mit recht?
  • Fuchs plus
  • Fehlende Gefährdungsbeurteilung ist kein Druckmittel

Betriebsrat kann Starttermin einer Anlage nicht blockieren

Weil Arbeitsplätze Risiken für die Gesundheit der Beschäftigten haben können, ist eine extra Gefährdungsbeurteilung im Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) vorgeschrieben. Insbesondere wenn neue Maschinen, Anlagen oder Arbeitsprozesse an den Start gehen, ist das angesagt. Der Betriebsrat ist zu beteiligen. Aber kann das so weit gehen, dass, bei Streitigkeiten mit dem Arbeitgeber, der Starttermin für die Inbetriebnahme als Druckmittel eingesetzt wird?
Zum Seitenanfang