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Standpunkt

Notenbanker sind keine Geldhüter mehr

Stefan Ziermann. Copyright: Verlag Fuchsbriefe
Die Inflation in Europa und Deutschland zieht an. Vieles deutet darauf hin, dass diese Dynamik noch eine ganze Weile anhalten wird. Aber es gibt - wie im Märchen - noch eine gute Fee. Die europäischen Zentralbanker beruhigen und versprechen auf sogar dauerhafte Geldwertstabilität. Doch dieses Versprechen ist ein Täuschungsmanöver.
Die europäischen Notenbanker leben in einem Märchenland - und Sie wollen, dass wir ihrer Erzählung über die nur "vorübergehend" hohe Inflation glauben. Angesichts einer Inflationsrate von 3,4% in der Eurozone und 4,1% in Deutschland ist das nur verständlich. Schließlich liegt die Rate selbst in der Eurozone inzwischen deutlich über dem bisherigen Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von "nahe, aber unter 2%". Vor der Aufweichung des eigenen Inflationszieles im Juli 2021 hätte die Notenbank also schon längst beherzt handeln müssen. 

Zentralbanker wollen ein Märchen erzählen

Die Zentralbanker wollen gern ihr Märchen erzählen. Darum schreiben sie auf der Startseite der EZB im Internet: "Wir bei der Europäischen Zentralbank (EZB) sorgen dafür, dass die Preise im Euroraum stabil bleiben. Warum wir das tun? Damit Sie mit Ihrem Geld morgen noch genauso viel kaufen können wie heute." Lesen Sie gern nach: https://www.ecb.europa.eu/ecb/html/index.de.html

Das zu behaupten ist schon bei einer Preissteigerung von nur 2% p.a. eine steile These. Denn im Laufe von 10 Jahren verliert das Geld bei Nullzinsen so immerhin gut 20% an Kaufkraft. Mit dem neuen symmetrischen Inflationsziel der EZB bekommt die Geldentwertung nun noch Beine. Der Zweck des neuen Inflationszieles besteht ja gerade darin, die Geldentwertung phasenweise laufen und auch über die Rate von 2% ausbrechen zu lassen. Und es basiert auf der Annahme der Geldpolitiker, dass die Zentralbank in der Lage sein wird, auch höhere Raten wieder auszubremsen - ohne die Konjunktur abzuwürgen. 

Dynamisierte Enteignung absehbar

Für Sparer bedeutet das eine dynamisierte Enteignung im Laufe der nächsten Jahre. Insbesondere der "kleine Mann" und die "schwäbische Hausfrau" werden diese Geldpolitik teuer bezahlen. Gerade hat die DZ Bank ermittelt, dass die Deutschen 7,1 Bio. Euro auf Spar- und Tagesgeldkonten horten. Dieses Geld wird nun nicht mehr nur von der Inflation aufgezehrt, sondern auch noch von Negativzinsen der Banken angefressen. Die geben immer mehr Institute weiter, teilweise schon ab 25.000 Euro, weil die EZB ihnen Strafzinsen für das Parken von Liquidität aufbrummt. Sie tut das, um die Kreditvergabe anzuregen.

Das ist doppelt perfide. Einerseits wird das vorsorgliche Sparen, z. B. fürs Alter, mit Negativzinsen bestraft. Andererseits lässt die Notenbank die Inflation laufen und entwertet so langfristig die Sparvermögen. Wer das konsequent zu Ende denkt, müsste jetzt sein Gespartes "verbraten" und ordentlich Kredite aufnehmen. Das mag im Einzelfall funktionieren. 

System wird langfristig instabil

Langfristig wird diese Geldpolitik den Geldwert aushöhlen und die Stabilität des Finanzsystems gefährden. Diese gefährliche Wirkung von Fehlanreizen hin zu überbordender Verschuldung lässt sich aktuell beim chinesischen Immobilienkonglomerat Evergrande erneut klar nachvollziehen. Aber auch in den USA dreht sich das Schuldenrat immer schneller. Die Geschichte hält ohnehin zahlreiche Beispiele parat, wie solche Schulden-Orgien ausgehen. 

Kann man der EZB ihr Stabilitätsversprechen also glauben? Ich denke nein, es hat den gleichen Wert, wie die Rentengarantie des voraussichtlich nächsten Kanzlers Olaf Scholz (SPD). Auf meine Nachfragen bei der EZB, wie ihr Versprechen angesichts der Inflationsrate mit den geldpolitischen Zielvorgaben und dem absehbaren Nicht-Handeln zusammenpassen, habe ich keine Antworten erhalten. Das ist für mich das Eingeständnis von unglaubwürdiger Politik. Die Notenbanker sind keine Geldhüter mehr.

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