Hier können Sie zwischen der Ansicht für Geschäftskunden und Privatkunden wechseln.
Informationen und qualifizierte Einschätzungen zu Chancen und Risiken
030-288 817-20
Geschäftskunde
Privatkunde
0,00 €
1944
50-50-Gesellschaften mit Abstiegs-Ängsten

Am Volk vorbei regiert

Stefan Ziermann, Chefredakteur Verlag Fuchsbriefe. Copyright: Verlag Fuchsbriefe
Der Sieg von Emmanuel Macron in den französischen Präsidentschaftswahlen endete bei vielen mit einem Seufzer der Erleichterung. Mir zeigt der Wahlsieg aber ebenso, wie tief auch die französische Gesellschaft gespalten ist. Längst ist sichtbar, dass die westlichen Länder keine Zweidrittelgesellschaften mehr sind. Sie sind in den vergangenen Jahrzehnten zu 50-50-Gesellschaften geworden, weil die Politiker an den relevanten Themen des Volkes vorbei regieren.
Ganz Europa ist erleichtert über den Wahlsieg Emmanuel Macrons. Insbesondere Europa-Politiker jubeln, bewerten den Sieg als ein gutes Zeichen insbesondere für Europa. Ganz besonders freute sich der italienische Ministerpräsident Mario Draghi. Der erklärte, Macrons Sieg sei eine "großartige Nachricht für ganz Europa". Klar, Draghi bleibt der wichtigste Verbündete der finanziell-politischen Paris-Rom-Achse erhalten. 

Frankreichs Spaltung nimmt zu

Macrons Wiederwahl zeigt mir vor allem, wie stark das Land gespalten ist. Die Wahlbeteiligung lag bei 63% und war um zwei Prozentpunkte geringer als zuvor. Nicht einmal zwei von drei Franzosen waren also überhaupt wählen - und das bei einem zur "Schicksalswahl" hochstilisierten Urnengang. Hinzu kommt: Macron hat deutlich weniger Stimmen bekommen als für fünf Jahren. Damals waren es 66%, diesmal 58,5%. Seine Gegnerin, die rechtsnationale Marine Le Pen steigerte sich von damals 35% auf diesmal 41,5%. 

Das Wahlergebnis zeigt, dass die Spaltung der Gesellschaft in Frankreich unvermindert fortschreitet. Einerseits die Globalisierungsgewinner, meist städtische Akademiker. Andererseits die Verlierer dieser Entwicklung, die sich zu den Abgehängten zählen, deren Perspektiven sich verdüstern.

50-50-Gesellschaften mit Abstiegs-Ängsten

Das ist ein Phänomen vieler westlicher Gesellschaften. Ich sehe diese Spaltung genauso in Deutschland und in den USA. In allen drei Ländern nehmen die gesellschaftlichen Zentrifugalkräfte zu. Die Spaltung zeigt sich bei vielen Themen. Diese Themen folgen akademischen Idealvorstellungen. Denen zufolge ist z.B. jede Einwanderung gut, Nachhaltigkeit um jeden Preis ist wichtig, Verzicht für die Rettung der Welt ist nötig (z. B. beim Fleischkonsum und in der Mobilität) und Gendern gehört zum guten Ton.

Die Lebensrealität der Mehrheit der Menschen ist aber eine andere. Eine zunehmende Anzahl von Menschen hat Angst vor dem sozialen Abstieg. Die rührt vom Arbeitsmarkt her, vom verschärften internationalen Wettbewerb. Die Erwartung, mit Bildung die Chance auf ein besseres Leben als die Eltern zu haben, kann nicht mehr wie früher aufrecht erhalten werden. Das Vertrauen in den Sozialstaat sinkt. Die Sorgen vor Altersarmut oder mangelnder Gesundheitsversorgung - insbesondere im Alter - nehmen zu. Der Glaube daran, das dies alles zu finanzieren ist, schwindet merklich. Auch die Bereitschaft zum persönlichen Verzicht ist darum nicht besonders ausgeprägt.

Politiker regieren an Bedürfnissen vorbei

Im Kern, so mein Eindruck, regiert die Politik am Volk vorbei. Es werden Themen von einer akademischen und politischen Elite gesetzt, die nichts mit den Bedürfnissen und Ängsten der meisten Menschen zu tun haben. Problematisch ist dabei, dass Politiker immer seltener mehrheitsfähige Antworten finden, einsame Entscheidungen treffen (Wehrpflicht, Atomausstieg, Rüstungsmilliarden) und offene gesellschaftliche Diskurse seltener stattfinden. 

Genauso schwierig ist, dass viele Medien nicht mehr dazu beitragen, zu vermitteln, sondern ebenfalls spaltend wirken. Besonders sichtbar war das in der Corona-Krise. Auch im Ukraine-Krieg dominiert Schwarz-Weiß-Denken. Die Ukraine ist gut, Russland böse. Die Rollen sind klar verteilt. Es herrscht Schwarz-Weiß-Denken, Grautöne soll es nicht geben. Das ist für mich einer der größten Widersprüche. Denn einerseits wird Vielfalt gepredigt, andererseits sollen möglichst alle Menschen ähnliche Ansichten und Meinungen haben. Wer anders denkt, denkt oft gleich quer oder wird als Was-auch-immer-Versteher stigmatisiert. 

Fazit: Diese Spaltung gefährdet die Stabilität unserer Gesellschaften. Die Politiker sollten sich wieder auf die wahren Probleme und Sorgen der Mehrheiten konzentrieren, diese offen debattieren, glaubhafte Konzepte entwickeln und im Volk um die Akzeptanz von Mehrheiten ringen. Auch Macron hat jetzt die Chance zu beweisen, dass er das will und kann, meint Ihr

Meist gelesene Artikel
  • Fuchs plus
  • Erbschaftsteuer kennt Bedingungen

Zweites Grabmal steuerlich absetzen

Beerdigung. © Kzenon / stock.adobe.com
Nicht immer ist das erste Grabmal eines Verstorbenen auch sein letztes. Wer internationale Wurzeln hat, wird möglicherweise später in sein Heimatland umgebettet. Das hat Implikationen für die Erbschaftssteuer, ist aber auch an Bedingungen geknüpft.
  • Fuchs plus
  • Gute-Laune-Nachrichten vom 16.05.2022

Erneuerbare Energien global auf dem Vormarsch

Mehrere Windräder auf einem Feld. © kamisoka / Getty Images / iStock
Trotz steigender Preise finden wir positive konjunkturelle Meldungen. Mit dabei: ein international steigender Prozentsatz erneuerbarer Energie, eine Region, die sogar eine negative CO2-Bilanz hat und einem Tourismus-Sektor, der kräftig in Schwung kommt.
  • Fuchs plus
  • Gaswirtschaft eröffnet neue Perspektive

Rumänien hat einen guten Pfad eingeschlagen

Schild in Rumänien mit Flaggen der EU und Rumäniens, Verweis auf EU-gefördertes Infrastrukturprojekt. (c) Helmut Laschet
Der IWF prognostiziert Rumänien für 2022 ein BIP-Wachstum von fast 5%. Das liegt deutlich über den Werten der Eurozone. Für Kapitalanleger wird die Region damit lukrativer. FUCHS-Devisen sagen, wie sich das für die Geldanlage nutzen lässt und welche Risiken es zu beachten gilt.
Neueste Artikel
  • Fuchs plus
  • Serie: Blockchain im Unternehmen (120)

Digitale Dokumente sicher aufbewahren

Blockchain. © ismagilov / Getty Images / iStock
Viele Unternehmer und Privatpersonen haben bis heute Bedenken, wichtige Dokumente digital aufzubewahren oder über das Internet verschicken. Denn alles, was einmal auf einem Computer ist, kann im Zweifel von Dritten gefunden werden. Die Blockchain-Technologie ist aber heute schon sehr sicher.
  • Fuchs plus
  • Broker-Rating 2022: Das Test-Design

FUCHS-Broker-Rating 2022: Wie wir werten

Abakus. © tuchkovo / Getty Images / iStock
Unser anonymer Anbieter-Test basiert auf klaren Kriterien, die wir für die Auswahl eines Brokers für wesentlich halten. Wir legen besonderen Wert auf die langfristige Seriosität und Sicherheit der Anbieter. Weder ein breites Produktangebot und geschenktes Handelsguthaben nützen etwas, wenn der Broker schlecht reguliert, grundsätzlich unseriös und somit riskant ist.
  • Fuchs plus
  • Infrastrukturabgabe für Digitalkonzerne geplant

Internetkonzerne sollen für Datenvolumina zahlen

Apps auf einem Smartphone. © Julien Eichinger / stock.adobe.com
Die EU will die Internetriesen dazu verpflichten, einen Beitrag zum Ausbau der Datennetze zu leisten. Wie die Regelung genau aussehen soll, die bis Ende des Jahres vorliegen soll, ist noch unklar. Für die EU besonders interessant ist, dass sie damit der extremen Steuervermeidung der Internetriesen ein Schnippchen schlagen kann.
Zum Seitenanfang