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Interview mit Wolfgang Bosbach Teil 3/3

"Mit der Tabuisierung von Problemen aus politischer Korrektheit werden die Probleme größer"

Protestierende in Berlin. © Frederic Kern/picture alliance/Geisler-Fotopress
FUCHSBRIEFE sprachen mit dem Unions-Politiker Wolfgang Bosbach. Im dritten Teil des Interviews geht es unter anderem um den Begriff "Rassist", Hindernisse bei der Integration und kuriose Wortkonstruktionen von Medienschaffenden des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

FUCHSBRIEFE (FB): Ein Thema, das Sie in Ihrem Buch anschneiden, ist der inflationäre Gebrauch des Begriffes “Rassist”. Das steht auch durchaus in Zusammenhang mit “Patriotismus”. Jetzt würde ich von Ihnen gerne Wissen: Halten Sie das auch für ein Integrationshindernis? Will man sich in ein Land, das so sehr mit sich selbst hadert, integrieren?

Wolfgang Bosbach (WB): Das kann ich jetzt nicht beweisen, wie will man das beweisen? Aber in Ihrer Fragestellung steckt eine Vermutung, für die ich großes Verständnis habe, weil ich weiß, das dürfte auch historische Gründe haben, dass wir uns mit unserem eigenen Land sehr, sehr schwer tun. 

Ich kann mich noch gut erinnern an eine Reise in den Oman. Ich habe das Hotelzimmer betreten, da lag so auf dem Schreibtisch eine Art, flapsig formuliert – Gebrauchsanweisung für den Oman. “Herzlich willkommen in unserem wunderbaren Land. Aber bitte bedenken Sie in der Öffentlichkeit keinen Alkohol trinken, nicht oben ohne am Strand usw. Ich habe gesagt Das ist doch selbstverständlich. Wenn das die kulturelle Tradition des Landes ist, dann respektiere ich die, weil ich Gast in diesem Land bin. Und wir tun uns da schwer, auch nur darum zu bitten, das Erlernen der deutschen Sprache in Wort und Schrift als Schlüsselqualifikation für Integration in Deutschland. Ich kann mich noch an die Debatte um die Leitkultur erinnern. Mein Gott, was haben wir uns da aufgeregt! Da sind andere Länder wesentlich entspannter.

FB: Der Begriff “Rassist” hat dennoch seit 2015, als die Migrationskrise kam und dann das Aufkommen der AfD bzw. dieser Impuls für die AfD, gehörig Konjunktur bekommen. Aber wer hat eigentlich die Definitionshoheit über den Inhalt solcher Begriffe?

WB: Im Grunde jeder. Oder man sagt eben, jede kritische Äußerungen über kulturelle Unterschiede ist sofort unter Rassismus Verdacht gestellt. Das ist heute der inflationäre Gebrauch, so ähnlich wie der inflationäre Gebrauch des Wortes Nazi. Das geht heute sehr, sehr schnell. Ein Freund von mir, der in Kölner Innenstadt wohnt, sagte mir mal, dass wenn morgens um drei auf der Straße Lärm ist, dann will er “Ruhe” brüllen dürfen, ohne sich vorher erkundigen zu müssen, ob jemand mit Migrationshintergrund dabei ist oder nicht. So denken ja heute schon viele. Die einen lehnen sich dann auf und die anderen sagen: “Ich sag jetzt überhaupt nichts mehr.” 

Wir haben ja in diesem Sommer eine erhebliche Anzahl von Problemen gehabt in Freibädern mit jungen Männern mit Migrationshintergrund, in den Großstädten mehr als im ländlichen Raum. Da wurden ja auch in den Nachrichten Verrenkungen vorgenommen, nur um nicht die Dinge beim Namen nennen zu müssen. Das war hochinteressant, das zu beobachten. Und mit der Tabuisierung von Problemen aus politischer Korrektheit werden die Probleme größer. Sie verschwinden ja nicht dadurch.

FB: Ist da jetzt die Zeit für die Zeitenwende?

WB: Ich glaube es ist immer so, dass wenn es Übertreibungen gibt, das Pendel irgendwann zurückschlägt. Und ich sehe es im Moment bei Gender. Ich finde die schönsten Geschichten schreibt hier das Leben, die kann man gar nicht erfinden. Öffentlich rechtlicher Rundfunk Originaltext von der Beerdigung der Queen: “Wir sehen Mitgliederinnen und Mitglieder des britischen Königshauses” … da ist ja alles schief gelaufen. Und das Königshaus? Es war ja 70 Jahre lang ein Königinnenhaus. 

Oder auch WDR2: Ministerpräsident Wüst besucht Paderborn und sprach mit allen “Wohnenden und Helfern”. Das ist auch total daneben gegangen. Und dann irgendwann, da kommt Winnetou noch dazu und dann schlägt das Pendel um und die Leute sagen: “So, jetzt aber gut, jetzt wollen wir wieder so reden, wie wir es traditionell gewohnt sind.”

FB: Wenn ein Politiker sagen würde: “Hört auf mit diesen Verrenkungen. Nennt es doch bitte einfach beim Namen.” Es wäre doch total glaubwürdig, oder?

WB: Ich war immer der Vertreter der Abteilung Klartext. Man muss sich da nur nicht in der Sprache vergreifen. Man sollte dann auch ruhig und sachlich bleiben, aber die Dinge beim Namen nennen. Und ich glaube, das ist auch genau das, was die Bürgerinnen und Bürger erwarten. Aber du musst natürlich damit rechnen, dass es sofort den Konter gibt “Rassist” oder “Nazi”. Wenn man nicht differenziert, wird argumentiert. Das ist eine große Gefahr, weil es ja auch heute sehr oft kombiniert wird mit dem Begriff “Kritik im Netz”. Wissen Sie, wenn ich gefragt werde, was sagen Sie zur Kritik im Netz, dann sage ich nur “Na und?” Und andere lassen sich davon beeindrucken, zucken zusammen, weil sie nicht Gegenstand kritischer Betrachtung im Netz werden wollen.

FB: Wir bedanken uns für dieses ausführliche Gespräch, Herr Bosbach.

Wolfgang Bosbach (*1952) ist ein deutscher Politiker der CDU und war von Februar 2000 bis November 2009 stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion der Union und von November 2009 bis Juli 2015 Vorsitzender des Innenausschusses des Deutschen Bundestages. Vor kurzem erschien sein neues Buch: "Wer glaubt uns noch?: Warum Politik an Vertrauen verliert und was wir dagegen tun können"

Das Gespräch führten auf Seite der Fuchsbriefe Ralf Vielhaber, Stefan Ziermann und Philipp Heinrich.

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