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Wie transparent sind die Compliance-Maßnahmen?

Linde mit Absichtserklärungen unterwegs

Bei Linde tragen Investoren aus Compliancesicht ein leicht erhöhtes Risiko.
Bei Hotspot-Themen fährt Linde keine klare Linie: Sicherheitsthemen werden ausführlich aufgegriffen, ökologische gemischt und „Dual Use" Güter eigentlich gar nicht. Linde bietet Investoren somit ein leicht erhöhtes Risiko.

Mitarbeiter und Eigentümer sind sich in einem Punkt auffallend einig: Bei der Fusion mit Praxair wurden sie vom Vorstand düpiert. Die Anteilseigner kritisieren, dass sie über die Fusion nicht mal abstimmen durften. Immerhin entschied die Staatsanwaltschaft, kein Ermittlungsverfahren gegen Aufsichtsratschef Reitzle wegen des Verdachts des Insiderhandels einzuleiten.

Nach der Fusion haben die Amerikaner das Sagen, das zeigt die neue Vergütungsregel: Sollte der neue CEO Angel die Lust verlieren, könnte er das Unternehmen wegen einer „Change-in-Control"-Klausel mit mindestens 37 Mio Dollar verlassen, es könnten mit etwas Glück sogar 58 Millionen werden. Bei Hotspot-Themen fährt Linde keine klare Linie: Sicherheitsthemen werden ausführlich aufgegriffen, ökologische gemischt und „Dual Use" Güter eigentlich gar nicht.

Verhaltenskodex

Ein insgesamt ansprechender und thematisch umfangreicher Verhaltenskodex. Positiv sind die eingestreuten Beispiele aus dem Unternehmensalltag zu schwierigen Situationen, in denen sich der Mitarbeiter für rechtlich und ethisch richtiges Verhalten entscheiden muss.

Negativ fällt auf, dass es sich bei vielen Regeln eher um Absichtserklärungen handelt („Linde wird..."). Noch auffälliger ist, dass zahlreiche Compliance Maßnahmen zum Zeitpunkt der Erstellung des Verhaltenskodex (laut Vorwort vor mehr als 10 Jahren!) offenbar erst für die Zukunft geplant aber noch nicht umgesetzt waren, beispielsweise die Durchführung von Schulungen, die Entwicklung eines Nachhaltigkeitsprogramms zum Kodex, oder die Einführung eines Compliance Programms für den grenzüberschreitenden Warenverkehr. Das ist irritierend. 

Lieferantenkodex

Der Gasmarkt ist klar oligopolistisch strukturiert und wird durch die Fusion zwischen Linde und Praxair noch enger. Somit rücken die Lieferanten in eine tiefere Abhängigkeit, die durch die regionale Beschaffungspolitik der Gasproduzenten verschärft wird. Da kann man die Bedingungen diktieren, und vielleicht hat es deshalb zu ausformulierten Sätzen im Lieferantenkodex bei Linde nicht gereicht.

Die Bestimmungen bestehen aus Gedankenstrichen mit kurzen Hinweisen wie z.B.: „Einhalten aller geltenden Gesetze und Vorschriften zur Arbeitssicherheit und zum Gesundheitsschutz" oder: „Keine Toleranz gegenüber Zwangsarbeit, einschließlich erzwungener Gefangenenarbeit, Zwangsverpflichtung von Arbeitskräften oder Menschenhandel." Dieser Verhaltenskodex, heißt es, „beschreibt die Mindestanforderungen, um unsere Standards zu erfüllen." Wohl wahr.

CMS Compliance-Management-System

Die Website ist dazu leider sehr dünn und geht kaum ins Detail. So wird nicht ganz klar, ob man eine zentrale oder dezentrale Organisation vor sich hat. Immerhin gibt es seit 2014 ein Compliance Risk Assessment zu den Themen Kartellrecht und Korruption. Über Verdachtsfälle informiert der Nachhaltigkeitsbericht mit einer ausführlichen Statistik. Zigtausende Mitarbeiter wurden bis 2016 in Präsenzschulungen unterrichtet und rund 160.000 E-Learnings durchgeführt – davon knapp 44.000 im Berichtsjahr. 

Kommunikation 

Übersichtliche Homepage mit klaren Aussagen, die auch in die Tiefe gehen. „Den Wert unserer Technologien und Produkte in Bezug auf Nachhaltigkeit legen wir, wo möglich, auch in Zahlen dar." Guter Ansatz. Ziele und Status sind in Tabellen vermerkt – leider nur schwer zurück verfolgbar. Der Vergleich der Kennzahlen zeigt dann auch, dass Linde etwa 2013 nur 89 Tonnen Nitrate ins Wasser abgab, 2016 waren es 339 Tonnen. Das relativiert die Fortschrittsprosa („Wir messen Fortschritte und identifizieren Verbesserungspotenzial") dann doch. Über die Querelen bei der Fusion mit Praxair erfährt man in der Wirtschaftspresse mehr, hier nur das aktienrechtlich Nötigste.

Dazu bekommt man lediglich den Gegenantrag kritischer Aktionäre zur Hauptversammlung per Suchfunktion zu Gesicht. Eine Auseinandersetzung mit Fragen des Landgrapping – immerhin besitzt Munich Re weltweit Anteile an Landflächen in Höhe von 100.000 Hektar – findet nicht statt.

Fazit: Ist der Laden echt so trocken wie die verklausulierte Sprache zur Compliance? Arme Mitarbeiter. Investoren tragen aus Compliancesicht ein leicht erhöhtes Risiko.  

Hinweis: Die Untersuchung wurde im Juli 2017 abgeschlossen. Nachträglich veröffentlichte Dokumente wurden nicht systematisch begutachtet. Erläuterungen zur Risikokennzahl, zum Rating und zu den Auswertungskategorien finden Sie hier.

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