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Unklar, woher die Fahrgäste kommen sollen

Nachtzüge als teures Image-Projekt

Nightjet der Österreichischen Bundesbahn. © ÖBB/Harald Eisenberger
Das europäische Nachtzug-System soll stark ausgebaut werden. Denn wenn die Menschen immer klimabewusster reisen, erhöht das die Attraktivität der Nightliner. Doch diese Überlegungen sind nicht evidenzbasiert und ignorieren den technologischen Fortschritt bei anderen Verkehrsträgern.

Der europäische Nachtzug-Vorstoß droht ein teurer Flop zu werden. Denn es steht völlig in den Sternen, ob das Prestige-Projekt auf Schienen überhaupt von den Reisenden Europas in Anspruch genommen wird. Ausgerechnet der viel gescholtene Verkehrsminister Andreas Scheuer scheint diesmal etwas richtig zu machen.

Kleine Rückschau: Ende 2016 stieg die Deutsche Bahn aus dem Nachtverkehr aus. Die Begründung damals war das zu geringe Fahrgastaufkommen und die daraus resultierende Nicht-Rentabilität der Nightliner. Im Dezember 2020 erfolgte dann die Kehrtwende. Im Verbund mit den Kollegen aus Österreich, der Schweiz und Frankreich sollen nun doch wieder neue Nacht-Linien in Betrieb genommen werden.

Umwelt schonen - nachts Zug fahren

Die Begründung dahinter ist so simpel wie augenscheinlich wünschenswert: Zugreisen der Umwelt zuliebe! Denn das Flugzeug hat eine horrende Umweltbilanz, die Bahn hingegen fährt schon weitestgehend elektrisiert. Also sollen mehr Nachtzüge her, die Flieger bleiben am Boden. Das Problem: Es ist überhaupt nicht evidenzbasiert, ob denn die Kunden auf die Offerte aufspringen.

Eine französische Erhebung ergab für die Strecke Frankfurt (Main) und Barcelona ein Fahrgastaufkommen von 164.000 Passagieren pro Jahr. Damit sich die Strecke rentiert, müsste das Fahrgastaufkommen doppelt so hoch sein. Die französische Studie empfiehlt daher, das zu erwartende Defizit durch eine Kombination mit Güterwaggons zu kompensieren. Das wird den Komfort nicht verbessern und ist angesichts europaweit verschiedener Güterwaggon-Standards auch schnell anfällig für Verspätungen.

Unrealistische Voraussetzungen für höheres Fahrgastaufkommen

Eine andere französische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass jährlich 10 Mio. Fahrgäste Frankreichs Nachtschienen-Netz benutzen könnten. Voraussetzung ist, dass Komfort und Preis einer Flugreise ähnlich sind. Das ist in absehbarer Zeit nicht der Fall. Zumal – und das wird sich nicht verändern lassen – die Flugreise einfach schneller geht. Wenn nun in absehbarer Zeit auch Wasserstoff als Flugtreibstoff eingesetzt werden kann (vgl. FB vom 22.02.2021), entfallen zudem auch die ökologischen Aspekte der Nachtzug-Initiative.

Die Alpenrepubliken Österreich und Schweiz halten seit Jahren am Nachtzug-Betrieb fest – und das obwohl es nur durch staatliche Unterstützungen überlebensfähig ist. Die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) prognostiziert, dass sich das Nacht-Fahrgastaufkommen ihrer gesamten Nachtlinien von 1,4 Mio. Passagieren p.a. vor der Pandemie auf 3 Mio. Fahrgäste verdoppeln wird.

ÖBB im Nightliner-Hype

Als Anreiz investiert die ÖBB 1,5 Mrd. Euro in neue Züge. Bequemer, moderner, diskreter sollen sie sein; ein Hotel auf Schienen. Ob damit die Leute in die Züge gelotst werden können, ist mehr als unsicher. Denn nach der Corona-Pandemie werden sich laut Analysten-Schätzungen die Billig-Flieger einen harten Preiskampf liefern. Gleiches gilt auch für die (auch bei „Öko-Fans“ beliebten) Busunternehmen, allen voran die bekannten orange-grünen Flix-Busse. Mit deren Preisen kann kein Bahnunternehmen mithalten.

Hinzu kommt das Versprechen aus Wien, die Trassenpreise zu verringern und die Preise für den Bahnstrom zu reduzieren. 500 Mio. Euro ist das Anschub-Paket schwer. In der Schweiz wurden derartige staatlichen Anreize übrigens verworfen – zu klein sei die davon erhoffte Wirkung.

Angebrachte Zurückhaltung aus Deutschland

Auch die Deutsche Bahn hält sich bei den Ausgaben zurück. Subventionen sind nicht geplant, in Folge dessen wird es auch keine neuen Schlafwagen geben. Das könnte sich in einer schwarz-grünen Regierung ändern. Die Grünen machen sich für Subventionen zum Anschub des Projektes stark.

Fazit: Sicherlich wird „irgendwer“ mit den Nachtzügen fahren. Doch das zu erwartende Fahrgastaufkommen rechtfertigt die Investitionen nicht.

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